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Opernball

Opernball

Titel: Opernball Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Josef Haslinger
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zurück, sie wollten stehenbleiben, aber sie wurden weitergeschoben. Je näher sie kamen, desto lauter und gehetzter schrien sie. »Der schönste Ball ist der Krawall.«
    Sie müssen sich das vorstellen: Die langsam vorrückende Wand und der immer schneller werdende Sprechchor, der bald aus dem Rhythmus kam und sich überschlug. Wir sahen ihre Münder aufschnappen, wir sahen Hunderte Fäuste wie Pleuelstangen in die Luft hämmern. Wir hielten die Schlagstöcke noch höher und standen, zehn Linien hintereinander, in Drohgebärde.
    »Los, reißen wir ihnen den Arsch auf«, zischte es hinten. Das waren junge Grenzpolizisten, die von der Opernseite als Verstärkung geschickt worden waren. Ungestüme Burschen, die von hinten Druck erzeugten und auf die Chaoten zudrängten. Für sie war das eine neue Herausforderung. Sie konnten es nicht mehr erwarten, das dumpfe Geräusch ihrer Schlagstöcke zu hören.
    Den Entgegenkommenden schien der Mumm vergangen zu sein. Sie lehnten sich stärker in die eigenen Reihen zurück, von wo sie aber unaufhaltsam weitergeschoben wurden. Aus den fünfzehn, zwanzig herumhüpfenden Fahnenanbetern war mittlerweile eine riesige Walze geworden, die mit lautem Dröhnen auf uns zurollte, »Der schönste Ball ist der Krawall«, eine riesige Maschine im Kriechgang, aber unbeirrbar in ihrer steten Bewegung.
    Einige Köpfe in den ersten Reihen trugen Motorradhelme oder waren mit Palästinensertüchern umwickelt. Ein etwa dreißig Zentimeter langes Kantholz, gehalten von kräftigen Lederhandschuhen. Es wippte im Rhythmus des Sprechchors drohend auf und ab. Einige Arme waren ineinander eingehakt, manche Hände waren hinter den Rücken verborgen. Wir blickten ihnen in die Augen, versuchten auszuloten, wer gefährlich ist. In einer Hand ein Pflasterstein, ein anderer in der Tasche eines geflickten Anoraks, deutlich erkennbar. In der zweiten Reihe einer mit hängenden Armen; er hatte uns die Handrücken zugedreht. Ich sah ihn an und dachte mir: »Mit deinen Steinen werde ich dir die Eier zerquetschen.«
    Man denkt sich solche Sachen. Manche murmeln es auch vor sich hin. Das stachelt an, gibt Mut.
    Auffällig war ein Blonder, ohne Vermummung, ohne Kopfbedeckung, mit rotglühenden Ohren. Gesteppte Jeansjacke, die Hände in den Taschen. Skandierte nicht mit, sondern hielt die Lippen fest zusammengepreßt.
    »Sofort ausschalten!« Das Kommando kam genau in dem Augenblick, als ich es mir dachte. Ich weiß nicht genau, warum. Es war ein Gefühl: Der hat die Pistole von Stipitz. Hunderte Male hatten wir diese Situation geprobt. Aber wenn die von den Psychologen ausgewählten Typen im Breitwandformat auf uns zumarschierten und wir unsere Simulatorenknöpfe drückten, war es doch jedesmal anders als in Wirklichkeit. Die konnten noch so schreien: »Nazischweine an die Leine«, oder: »Fegt die Straßen frei von der Polizei«, es war eine andere Stimmung, es war einfach leichter, die Nerven zu behalten und in Ruhe auszuwählen. Aber wenn es ernst war, hatte man überhaupt keine Wahl. Man drosch auf das ein, was man gerade erwischte. So plötzlich ich diesen Blonden vor mir gehabt habe, so schnell habe ich ihn wieder verloren.
    Kaum stürmten wir los, liefen auch die Chaoten. Jemand hatte gerufen: »Zur U1!«, und wie auf Kommando rannten sie fort. Sie entglitten uns unter den Stöcken, schlüpften unter den Schilden weg.
    Die Abdul-Haman-Geschichte steckte uns noch allen in den Knochen. Mein einführender Kollege sagte: »Ich habe noch nie jemandem auf die Halsschlagader geschlagen, aber sollte mir der Innenminister in die Hände fallen, müßte ich mich schon sehr zurückhalten.«
    Der Innenminister und sein Ohrensausen waren, wie ich Ihnen schon sagte, nicht sehr beliebt bei uns. Aber seit dem Knüppelerlaß, wie wir ihn nannten, war er untendurch. Der Fall war noch völlig ungeklärt, es hatte nur ein paar Presseschmierereien gegeben, aber der Minister tat so, als wäre unsere Schuld erwiesen. Es hatte noch nicht einmal ein Prozeß stattgefunden. Übrigens bis heute nicht. Ich hatte erwartet, diesmal würden zur Opernballdemo besonders viele Ausländer kommen. Das war aber nicht der Fall. Mir jedenfalls sind kaum welche untergekommen. Im Fernsehen soll man eine Gruppe gesehen haben, die Fotos von Abdul Haman hochhielt. Aber mir sind sie nicht begegnet. In Wirklichkeit wollten die nicht demonstrieren, sondern auf ihre Weise die angekündigte Rache für Abdul Haman nehmen. Wenn Sie mich fragen, die

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