Saemtliche Werke von Jean Paul
Fensterschnur) – »ich und das Podagra sollen uns festsetzen beim Fürsten – Arg ists, wenn ein Mensch die gichtische Materie eines Regenten als Wasser braucht, um seine Mühle zu treiben – ein Herz -Polype, eine Kopf -Wassersucht sollte mich weniger ärgern als Hofmann, beides wären anständige Gnadenmittel und Floßfedern zum Steigen. – Nein, ich bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gebe gleich anfangs nicht nach, damit sie’s nicht anders wissen. – Nicht einmal ans Kantonieren und Ankern im Vorzimmer ist zu denken.« (Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon die Freilassung von der ängstlichen Hofordnung einbedungen.) – »Ach ihr schönen Frühlingjahre! ihr seid nun über mich weggeflattert und mit euch die Ruhe und der Scherz und die Wissenschaften und die Aufrichtigkeit und lauter ähnliche gute Herzen.« – (Er wirbelte die Quastenschnur plötzlich kürzer hinauf.) »Aber du guter Vater, du hast solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durchstreifest die Erde und gibst deine Tage preis für das Glück der Menschen. – Nein, dein Sohn soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und nicht verbittern – er soll sich hier gescheit genug aufführen – und wenn du dann wiederkommst und hier am Hofe einen gehorsamen, einen begünstigten und doch unverdorbnen Sohn antriffst….« Als der Sohn gar dachte, daß er, wenn er so in gerader Aufsteigung am Hofe kulminierte, gewinnen könnte das Herz der Kaplanei, das Herz von Le Baut, das seines Vaters, das seiner sämtlichen Verwandten und (dacht’ er anders daran) auch das von Klotilde: so hatt’ er die abgedrehte Quaste wie eine Tuberose in seiner Hand…. und daher legt’ er sich still zu Bette.
– Steh auf, mein Held! Die Morgensonne macht schon deinen Erker rot – springe unter dem Glockengeläute der Wochenpredigt und unter dem Getöse des heutigen Markttages in deine helle Stube! – Dein Vater, von dem du die ganze Nacht geträumt, hat sie voll musikalischen und malerischen Schiff und Geschirr gestellt, und du wirst den ganzen Morgen an ihn denken; – und doch schenkt dir der Erker noch mehr: den Blick auf einen grünen Streif von Feldern und auf Maienthals Anhöhen nach Abend – den ganzen Marktplatz – das Privat-Haus des Stadtseniors gegenüber, dem du in alle Stuben, die er an deinen Flamin vermietet, schauen kannst! – –
Flamin ist jetzo aber nicht darin; denn er hatte meinen Helden schon angefaßt und mit meinen Worten angeredet: steh auf! – Eine neue Lage ist eine Frühlingkur für unser Herz und nimmt das ängstliche Gefühl unserer Vergänglichkeit aus ihm: – und unter einem solchen heitern Himmel des Lebens tanzet heute mein Viktor mit allem – mit den Vormittaghoren – mit dem Regierungrate – mit dem Apotheker – durch die Apotheke hindurch neben dem Provisor vorbei, um oben auf dem Schlosse mit dem podagristischen Jenner einige Gänge zu machen.
– Er ist kaum eine halbe Stunde bei dem Fürsten gewesen, so sieht ihn Zeusel wieder in sein medizinisches Warenlager rennen…. »Ei ei!« denkt der Apotheker.
Aber es war ganz anders: Viktor gelangte durch ein Monturen-Verhau – denn die Gänge zu den Fürstenzimmern sind fast Zeltgassen, und die Regenten lassen sich so ängstlich umwachen, als besorgten sie, die ersten oder die letzten zu sein – ins Krankenzimmer. Vor einem Patienten, der in waagrechter Verfassung liegt, behält man die lotrechte leichter. Die Großen verwechseln oft die Wirkung ihrer Zimmer und Geräte mit ihrer eignen: – wenn sie der Gelehrte auf einem Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde überfallen könnte: er wüßte sich zu benehmen. Aber Viktor war selber in gestickten und mit goldnen Eckenbeschlägen versehenen Zimmern erzogen. Da er den Freund seines Vaters in Schmerzen und mit eingepackten Beinen fand: so vertauschte er seine britische Unbefangenheit gegen die medizinische und fing, anstatt stolze fürstliche Fragen zu erwarten, ärztliche vorzulegen an. Als des Doktors ärztliches Beichtsitzen zu Ende war: so legte er die Hand, anstatt auf den Kopf des Beichtkindes, auf die Bibel daneben und wollte schwören und ließ es – bleiben, weil ihm etwas Besseres einfiel, und blätterte – das war ihm eingefallen – das Gichtbrüchigen-Evangelium in der Bibel auf und wies auf den Spruch: Steh auf, hebe dein Bette auf; »denn ans Podagra ist hier gar nicht zu denken«, sagte er. Er tat ihm dar, seine ganze Krankheit sei Wind, figürlich und eigentlich gesprochen – in
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