Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Schöne Neue Welt

Schöne Neue Welt

Titel: Schöne Neue Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Aldous Huxley
Vom Netzwerk:
Kürbis nannte er Mescal, aber Filine sagte, es sollte Soma heißen, nur daß einem nachher übel davon werde. Er haßte Pope. Er haßte alle, alle Männer, die zu Filine kamen. Eines Nachmittags - es war sehr kalt, erinnerte er sich, und Schnee lag auf den Bergen ringsum - kam er vom Spielen mit den anderen Kindern heim und hörte zornige
    Stimmen aus dem Schlafraum. Es waren Frauenstimmen, und sie sagten Worte, die er nicht verstand, aber er erkannte, daß es furchtbare Worte waren. Und plötzlich ein Plumps! Etwas war zu Boden gefallen; er hörte hastige Bewegungen, noch einen Plumps und dann ein Geräusch, als würde ein Maultier
    geschlagen, eines, das nicht dünn war. Und dann schrie Filine:
    »Aufhören! Nicht, nicht!« Er stürzte hinein. Drei Frauen in dunklen Decken waren im Zimmer. Filine lag auf dem Bett. Die eine hielt sie an den Handgelenken, die zweite lag quer über ihren Beinen, damit sie nicht treten konnte, die dritte schlug sie mit einer Peitsche. Einmal, zweimal, dreimal; und bei jedem Schlag schrie Filine auf.
    Weinend zog er die Frau mit der Peitsche an den Fransen
    ihres Umhangs. »Bitte nicht, bitte!« Mit der freien Hand hielt sie ihn sich vom Leib. Wieder sauste die Peitsche nieder, und wieder schrie Filine auf. Er erwischte die riesige braune Tatze der Frau und biß aus Leibeskräften hinein.
    Sie kreischte, riß die Hand los und gab ihm einen Stoß, daß er hinfiel. Während er auf der Erde lag, schlug sie ihn dreimal mit der Peitsche. Es schmerzte mehr als alles, was er in seinem
    -131-

    Leben je gespürt hatte - schmerzte wie Feuer. Die Peitsche pfiff noch mal, sauste nieder. Aber diesmal schrie Filine.
    »Warum wollten sie dir weh tun, Filine?« fragte er abends. Er weinte, weil die roten Striemen auf seinem Rücken noch immer so schrecklich brannten, aber auch, weil die Menschen so roh und gemein waren und er so klein, daß er nichts gegen sie zu tun vermochte. Auch Filine weinte, obgleich sie erwachsen war, aber sie war doch nicht stark genug, gegen drei aufzukommen.
    Es war auch für sie schlimm. »Warum wollten sie dir weh tun, Filine?«
    »Ich weiß nicht. Wie soll ich das wissen?« Ihre Worte waren schwer verständlich, weil sie auf dem Bauch lag, das Gesicht in die Kissen vergraben. »Die Weiber sagen, diese Männer
    gehören ihnen«, fuhr sie fort, als spräche sie nicht mit ihm, sondern mit jemandem in ihrem Innern. Es war ein langes
    Gespräch, und er verstand es nicht; zuletzt weinte sie noch lauter.
    »O wein doch nicht, Filine! Nicht weinen!«
    Er schmiegte sich an sie, legte die Arme um ihren Hals.
    »Au!« schrie Filine. »Gib doch acht! Meine Schulter! Au!«
    Sie stieß ihn so heftig von sich, daß er mit dem Kopf gegen die Mauer schlug. »Du kleiner Tölpel!« rief sie, und plötzlich begann sie, ihn zu schlagen. Klatsch, klatsch...
    »Filine!« schrie er auf. »Nicht, Mutter!«
    »Ich bin nicht deine Mutter. Ich will nicht deine Mutter sein.«
    »Aber Filine - au!« Sie schlug ihn ins Gesicht.
    »Eine Wilde geworden!« brüllte sie. »Junge kriegen wie ein Tier... Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich zum Aufseher gehen und vielleicht heimkehren können. Aber nicht mit einem Kind. Die Schande wäre zu groß gewesen.«
    Er sah, daß sie ihn wieder schlagen wollte, und hob den Arm schützend vors Gesicht. »Nicht schlagen, Filine, bitte nicht!«
    -132-

    »Kleines Biest!« Sie riß ihm den Arm weg, so daß sein
    Gesicht ungeschützt war.
    »Nicht, Filine!« Er schloß die Augen in Erwartung des
    Schlags. Aber sie tat ihm nichts. Nach einer Weile öffnete er die Augen und gewahrte, daß sie ihn ansah. Er versuchte, sie anzulächeln. Und auf einmal schlang sie die Arme um ihn und küßte ihn wieder und wieder.
    Mitunter stand Filine tagelang nicht auf, lag im Bett und war traurig. Oder sie trank das Zeug, das Pope brachte, lachte unmäßig und schlief ein. Manchmal war sie krank.
    Oft vergaß sie, ihn zu waschen, und es gab nichts zu essen, nur kalte Tortillas. Deutlich erinnerte er sich ihres fassungslosen Geschreis, als sie zum ersten Mal die kleinen Tierchen in seinem Haar entdeckte.
    Die glücklichsten Stunden waren es, wenn sie von der
    Anderen Welt erzählte. »Und man kann dort wirklich fliegen, sooft man will?«
    »Sooft man will.« Sie erzählte ihm von der wunderschönen Musik, die aus einem Kästchen herauskam, den hübschen
    Spielen und den köstlichen Dingen, die es zu essen und zu trinken gab, dem Licht, das erstrahlte, wenn man auf einen kleinen Knopf

Weitere Kostenlose Bücher