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Schwarzwaldau

Schwarzwaldau

Titel: Schwarzwaldau Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carl von Holtei
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aus bessern Zeiten in Thalwiese ausgebildeten Disposition nicht mehr bedeutete, als ein mäßig angefüllter Fingerhut Carolinen etwa bedeutet haben dürfte. Beim Thee, den er instinctartig haßte, half es ihm wenig, wenn er ein kostbar geschliffenes Rumfläschchen möglichst ganz in seine Tasse auslaufen ließ, denn das hunderteckige, buntschäckige Ding war nicht viel größer wie ein Flacon für Wohlgerüche. Gustav hatte unter diesen Entbehrungen eigentlich gelitten, weil er durch und durch ein Jünger lustiger Gelage war. Nur die Gewißheit, daß ihn daheim, wie es jetzt stand, Aerger und Trübsal bedrohe, ließ ihn den Zwang erdulden, den Anstand, feinere Sitte, vornehmer Ton ihm auferlegten. Gleichwohl brauchte er keine Furcht zu hegen, daß er die ihm gegönnte Gunst verscherzen könne, wenn eine Gelegenheit einträte, sich beim Becher gehen zu lassen. Er gehörte zu den, – allerdings seltenen – Menschen, welche sich sogar berauschen dürfen, ohne plump, roh, gemein zu werden. Im Gegentheil: sollten die Bande der Trägheit, die ihn stets fesselten, gänzlich fallen; sollte, was jugendliches Leben und Feuer in ihm hieß, zur liebenswürdigsten Geltung gelangen; sollte er auf seine Weise geistreich erscheinen, so geschah dieß am Sichersten durch Beihilfe fremder Geister, die ihn erregten. Er wußte das; er kannte sich; erinnerte sich einiger Triumphe, die er in gemischten, wilden, doch großstädtisch-bevorzugten Gesellschaften in solchem Zustande errungen. Deßhalb freute er sich auf die Bowle; deßhalb nahm er sich vor, unter der Aegide des neuen Jahres ihr wacker zuzusprechen, sich über seine bisherige Stellung zu erheben, den Damen einen höheren Begriff von seinen Fähigkeiten beizubringen und vielleicht auch, inspirirt wie er es zu werden dachte, zwischen Carolinen und Agnesen wählend, sich zu entscheiden, welchen Weg er im nächsten Jahre einschlagen müsse?
    Daß Emil von Schwarzwaldau nicht sonderlich auf seinen Keller achtete, haben wir bereits erwähnt; und ohne Befremden, weil er selten Gäste sah und für seine Person sich mit einigen Tropfen in Wasser gemischt begnügte. Er liebte den Wein nicht, denn er verstand ihn nicht; er war weder ein Kenner, noch ein Schmecker; und ein brutaler Trinker zu werden, viel zu zart organisirt. Solchen Leuten geschieht es häufig, daß sie den reinen Traubensaft, auch in seinen edelsten Jahrgängen, sorgsam vermeiden, dahingegen an irgend einer diabolischen und gefährlichen Mischung hängen bleiben. Der Punsch, den der Tafeldecker ohne warten zu lassen, – (höchst wahrscheinlich ist die Brauerei in der Küche schon vor eingeholter Bewilligung im Gange gewesen!) – herbeischaffte, duftete recht verführerisch. Emil widerstand dem ersten Glase nicht, und da er trinkend fortredete, so trank er sich in's Peroriren und perorirte sich in's Trinken hinein. Gustav dagegen trank so lange schweigend, bis Jener matt und müde wurde; dann lösete er ihn ab und trat zum Erstenmale aus der bisjetzt bewahrten Haltung, die, wenn auch nicht eben verzagte Schüchternheit, doch den Damen gegenüber Zurück haltung geschienen, mit ungebundener Freiheit hervor. Wie hätte, wer ihn da hörte und beobachtete doch beklagen müssen, daß so volle Naturgaben nicht sorgfältiger benützt, daß sie geradezu vernachlässiget waren! Zu solchem Bedauern aber kamen die drei Anwesenden nicht; vor Erstaunen kamen sie nicht dazu. Emil erkannte den sonst so schweigsamen Waldgefährten in diesem viel und gut sprechenden Nachfolger nicht wieder, welcher ihm das Wort gleichsam vom Munde nahm, und es nicht mehr zurückgab, sondern an sich behielt, als ob es von jeher sein Eigenthum wäre? Agnes hörte aufmerksam; sie erkannte in dem gänzlich umgewandelten Menschen höhere Gaben, deren Vorhandensein sie bis dahin nicht geahnt; zugleich durchschauerte sie ein Grauen, bei dem Gedanken, daß es der Exaltation durch halben Rausch bedürfte, um solche Gaben aus dem Schlafe der Faulheit aufzuwecken. Caroline vergaß Eifersucht, gekränkte Eitelkeit, heimlich genährten Groll: sie überließ sich ohne Rückhalt bewundernden Empfindungen. Sie ließ sich sogar verleiten, von der Quelle zu naschen, aus der Gustav's Beredtsamkeit empordampfte; was Agnes jedoch für eine weibliche Unthat erklärte. Aber trotz ihrer Abneigung durfte doch auch diese sich nicht ausschließen, mit einem bis an den Rand gefüllten Glase anzustoßen, als des Wächters Ruf aus dem Schloßhofe herauf meldete, daß die

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