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Schwarzwaldau

Schwarzwaldau

Titel: Schwarzwaldau Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carl von Holtei
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kalte, früher gezeigter Freundlichkeit widersprechende Strenge die einzige Ursache des unangenehmen Auftrittes sei. Worauf sie denn wieder entgegnete: so weit gehe ihre Ergebenheit als Gattin doch nicht, einen Liebeshandel zu beginnen, bloß damit ihrem Herrn Gemal ein unentbehrlicher Hausfreund erhalten werde. Bitterkeiten jeder Art wurden ausgetauscht, wobei sie und er Denjenigen vergaßen, um dessenwillen der Zwist sich entsponnen. Es war eigentlich der erste, in den sie seit ihrer Verbindung miteinander geriethen. Deßhalb konnte nicht ausbleiben, daß aller Stoff zur Klage, seit zwei Jahren aufgesammelt, von gegenseitiger Schonung verhüllt, von zartsinniger Schweigsamkeit unberührt, jetzt auf einmal hervorquoll. Sie sagten sich Dinge, die bis zum Tage ihrer ersten Begegnung zurückreichten. Sie zogen mit heftigen, unbedachten Aeußerungen die täuschende Hülle von alten, tiefen Wunden, über deren Anblick Beide sich nun fast entsetzten. So schlimm hatten sie sich's nicht vorgestellt. Jedes hatte gemeint, des Andern Wunden seien längst verharscht? Und da zeigte sich nun wie weit, wie klaffend sie sich um's Herz herum zogen, als ein unbewachter Augenblick sie bloßgelegt. Und Emil wie Agnes mußten sich eingestehen, daß sie sich gegenseitig diese Leiden zugefügt; wenn auch nicht mit der Absicht es zu thun; wenn auch nicht mit scharfen tödtlichen Waffen. Und anstatt sich, Eines das Andere anzuklagen, klagten sie Jedes sich selbst an; gönnten sich Mitleid, indem sie ausriefen: »Du Armer!« »Du Arme!«
    Aber weiter brachten sie es eben nicht. Eine Versöhnung, mit ihrem Aufwande von bittersüßen Thränen, mit ihrer wollüstig schmerzhaften sinnlichen Aufregung konnte bei ihnen nicht vor sich gehen. Sie hatten ja niemals gezankt, gelärmt, sich niemals heftige Worte, oder gar hämisch-beleidigende gesagt; sie hatten ja niemals die Bahn der feinsten Sitte verlassen; immer sich Wohlwollen und Achtung erwiesen. – Da ist eine stürmisch-ergreifende Versöhnung eben so unmöglich, als früher verletzende Zerwürfnisse unmöglich waren. Der Zustand eines solchen Ehepaares ist, eben seiner scheinbaren Erträglichkeit halber, in Wahrheit um so trostloser.
    Das fühlten Beide in dieser Stunde schwer. Wollten sie die Leere ausfüllen, die zwischen ihnen lag, nachdem sie mannigfache Geständnisse ausgetauscht, . . . was blieb ihnen übrig, als sich mit Demjenigen zu beschäftigen, durch welchen sie zu diesem Austausch so lange geheim gehaltener Gefühle veranlaßt worden waren? Sie unterzogen Gustav einer prüfenden, scharfen Beurtheilung, die wenig zu seinen Gunsten ausfiel. Sie verblendeten sich keineswegs darüber, daß dieser Genosse ihrer letztvergangenen Tage in mehr als einer Beziehung ihrer unwürdig sei; und dennoch, – so unergründlich bleiben unserer Seelen Tiefen und Untiefen! – vereinten sie sich in dem Bekenntniß: ihn fast nicht mehr entbehren zu können.
    »Und dennoch wird er uns jetzt verlassen,« schrie Emil auf; »wird mich verlassen, wenn Du ihn nicht zurückhältst!«
    »Er steht Dir näher als mir,« entgegnete Agnes; »an Dir ist es, ihm begreiflich zu machen . . . .«
    »Was?«
    »Daß Du dieses unselige Buch nicht wähltest, um ihn zu kränken, aufzuregen, oder gar zu verspotten; daß es der Zufall Dir in die Hände spielte; daß Du lesend und übertragend nicht Acht auf ihn hattest; daß dergleichen in Zukunft sorgfältig vermieden werden soll; daß wir seine freundliche Gegenwart unserer ländlichen Abgeschiedenheit erhalten wissen wollen; daß wir herzlichen Theil an ihm nehmen; Du . . . und ich auch! «
    »Dieß Alles« sprach Emil, »kannst Du ihm ungleich besser sagen, als ich, den er in diesem Augenblicke nicht hören wird; dem er zürnt, und nicht ohne Ursache, wenngleich ungerechter Weise. Aus Deinem Munde werden diese Aeußerungen mildernd auf ihn wirken, werden ihm eine beruhigte Nacht verschaffen.«
    »Und wie soll ich ihm diese – Beruhigung zukommen lassen? Willst Du es auf Dich nehmen, ihn aus seinem Zimmer herab zu holen?«
    »Das würde vergebliche Mühe sein. Wenn Du meine Ansicht billigest, so begiebst Du Dich hinauf; denn will der Prophet nicht zum Berge kommen, dann muß wohl der Berg sein Aeußerstes thun . . . .«
    »Ich? Bei Nacht auf Gustav's Zimmer? Zu einem Halbwahnsinnigen? Bist Du es ganz?«
    »Im Gegentheil, ich bin verständig genug, Dich zu begleiten: am Arme ihres Gatten kann jede Hausfrau einen Gast besuchen; gar wenn dieser – krank

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