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Schwarzwaldau

Schwarzwaldau

Titel: Schwarzwaldau Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carl von Holtei
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wenn auch vernachlässigter junger Mann, den ich lieb habe, an den ich nun schon gewöhnt bin, den ich kaum zu entbehren wüßte, gleichgiltig sein könnte. Einem edlen Gemüthe wie dem Deinigen ist kein Mensch gleichgiltig, am allerwenigsten ein harmloser Hausfreund, der Wohlthaten von uns empfängt . . . .«
    »– Harmlos? Verzeih', Emil, diese Bezeichnung erscheint mir nichts weniger als treffend. Mir fällt dabei ein, was ich neulich in irgend welchem gedruckten Reiseberichte las, daß im Garten einer durch vielseitigen Kunstaufschwung berühmten Residenz die aus einem Distichon bestehende Inschrift auf dem Postamente einer antiken Statue mit dem Worte ›harmlos‹ beginnt und daß dieses Wort, weil die Oeconomie des Raumes den Steinmetz dazu zwang, allein die erste oberste Zeile bildet. Da nun Dienstmädchen und ähnliche Kunstkennerinnen sich die Mühe ersparten, den classisch-gefeilten Vers weiter zu lesen, so blieben sie beim › Harmlos ‹ stehen, nahmen an, dieß sei der Name des in Stein gebildeten Gottes und bestellen, wenn sie ein abendliches Stelldichein zu geben beabsichtigen, ihre Beglückten in den dunklen Garten, wo er und sie sich beim › Harmlos ‹ finden wollen. Nichtviel weniger harmlos als Jener steinerne dünkt mir unser Gastfreund aus Fleisch und Blut.«
    »Einer Caroline gegenüber, die aufrichtig gesagt, in manchen ihrer Eigenschaften an die von Dir erwähnten Nichtleserinnen des Distichons erinnern könnte –«
    »Thu' ihr nicht Unrecht, Emil. –«
    »Durchaus nicht; doch ich wiederhole: ihr gegenüber wollte ich für Gustav nicht stehen. Aber Du, die mit einem Worte, mit der Senkung oder Hebung eines Augenlides ihn zu beherrschen vermag; deren Uebergewicht um desto mächtiger bleibt, je weniger Du empfänglich bist, Deinem ganzen Wesen nach, für das, was so vielen trefflichen Frauen doch Nebeln ähnlich zu Kopfe steigt und ihnen die Besonnenheit auf Augenblicke zu rauben vermag. – Du hast nie und nimmer zu fürchten; sogar dann nicht, wenn Du dulden wolltest, was Du heute in unaussprechlicher Herablassung geduldet, wie der Arm des Weinenden Dich umschlang, daß er . . . .«
    Agnes wurde leichenblaß und glühendroth binnen zwei Momenten. Sie hatte nicht gewußt, daß Emil gesehen, was sie erlebt zu haben gern vergessen hätte. Jetzt nahm sie seine vorhergegangenen Zusicherungen für Hohn. Dadurch wurde sie verführt, ihm höhnisch zu erwidern, was gegen ihren Character war: »Ich konnte ja nicht wissen, wie weit ich als gehorsame Gattin gehen soll und darf, die Launen meines Eheherrn zu befriedigen? Wenn er mich erst einem Anbeter zugeführt, wäre es, sollte ich meinen, nicht an ihm, sich über meine Fügsamkeit zu beklagen; und am wenigsten durch Spott, der mir von allen ersinnlichen Kränkungen die verletzendste ist.«
    Emil versicherte, daß er diesen Vorwurf nicht verdiene; daß er an Spott nicht gedacht habe. Doch sie glaubte ihm nicht mehr. Sie beharrte bei ihrem Groll; und daß sie dieß that, weiset allerdings schon auf eine mächtige Veränderung in ihrem Herzen hin. Sie ging noch weiter. Sie lehnte sich gegen den vermeintlichen spöttischen Angriff geradezu auf, indem sie sich selbst noch schärfer anklagte, als Emil es (unfreiwillig) gethan. »Wenn Du,« fuhr sie heftig fort, »die schlechten Bilder an der alten Tapete so aufmerksam zu studiren schienst, um unterdessen heimlich nach uns schielen zu können, so sollte Dir unmöglich entgangen sein, daß wir bei der Umarmung uns nicht begnügten; daß auch seine Lippen die meinigen berührten; daß ich ihn nicht von mir stieß, als er mich küßte.«
    »Das hab' ich nicht gesehen,« sagte Emil, gerührt durch den unverholenen Schmerz, der aus ihrer Stimme hervorbrach und ohne welchen sie sich selbst gewiß nicht auf diese unerhörte Art verleugnet haben würde; »das hab' ich nicht gesehen, Agnes; doch hätt' ich es, unter diesen ganz eigenthümlichen Verhältnissen könnt' ich es eben auch nur gebilliget haben; und ich danke Dir, daß Du mir es erzähltest. Ueberhaupt: handle, wie Du willst; thue, was Dir das Rechte scheint; ich werde Alles loben; ich werde nie an Dir zweifeln. Um so weniger, je weniger Du an mir zweifelst; je herzlicher und offener Du mir vertraust. Wir sind ein unglückliches Ehepaar, ich leugne es nicht. Bisweilen hab' ich die Schuld zwischen uns zu vertheilen gesucht; bisweilen hab' ich in trüben Stunden mich als den allein Schuldigen angeklagt? Sei's wie es wolle, es ist einmal so!

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