Schwarzwaldau
geschlungen; sah noch, wie diese sich mühsam losmachte; sich emporrichtete; sah, – oder wähnte gesehen zu haben, – wie ihre Hand auf Gustav's Stirne lag.
Es durchzitterte ihn dabei ein unbekanntes, fremdes Gefühl, dem er weder Namen noch Bedeutung, von dem er nicht Rechenschaft zu geben wußte, ob es ihn mit Zorn, ob es ihn mit Wonne erfülle? Jedenfalls raubte es ihm die Sprache; denn er fand kein Wort, sich, wie es seine Absicht gewesen, wieder in's Gespräch zu mischen. Er stand unbeweglich; nur daß die Hand, welche den Leuchter hielt, langsam herab sank, immer tiefer und tiefer.
Agnes mußte das Schweigen brechen.
Sie that es, wenn auch mit bebender Stimme, dennoch mit jener Fassung, welche das Weib auch da noch zu bewahren versteht, wo der Mann aufhört, seiner Bewegung Herr zu bleiben. Sie sagte lächelnd: »Er ist wieder zu Verstande gekommen; er sieht ein, daß er Dir Unrecht gethan, daß Du ihn mit Deinem dummen Buche weder betrüben, noch verhöhnen wolltest; er begreift, daß ähnliche Scenen unser künftiges Zusammenleben unmöglich machen würden; und er hat mir sein Versprechen gegeben, daß so etwas nie mehr geschehen soll. Auch wird er es halten. Nicht wahr, Gustav?«
»Auf Ehre!« lispelte dieser, indem er ihre Hand an seine brennenden Lippen zog.
»Also kein Groll mehr zwischen Euch Beiden,« fuhr sie fort, ergriff den Leuchter und drängte Emil zu Gustav's Bett.
Dieser saß jetzt halb aufgerichtet. Die Haare hingen glänzend feucht über seine Stirn herab, wie nach einem wilden Fieber; die feurigen Augen glänzten zwischen den dunklen Locken hervor, mir unruhiger Gluth. Er streckte dem sich langsam und zweifelnd Nähernden beide Arme entgegen, zog ihn an sich, schmiegte sich an seine Brust, streichelte seine Wangen und versicherte ihn, (was er nie, auch in ihren vertraulichsten Waldstunden nicht gethan,) der wärmsten, hingebendsten Freundschaft, der dankbarsten Anhänglichkeit.
»Welch' ein neuer Geist ist doch über Dich gerathen?« rief Emil. »Welch' ein Stern ist in dieser Nacht an unserem dunklen Himmel emporgestiegen! Wie bist Du auf Einmal ein Anderer geworden!? Wär' es möglich, wär' es denkbar, daß wir Drei, durch ein heiliges, geheimnißvolles, wenn auch jeglichem Fremden unbegreifliches Bündniß, beglückenden Tagen entgegen sehen dürften?« – Er wollte weiter zu sprechen fortfahren, denn er war im Zuge. Doch Agnes, mit dem richtigen Tacte des Geistes und Herzens, wie er nur edlen Frauen eigen ist, empfand alsobald, daß Worte der Erklärung und Auseinandersetzung, möchten es auch die wohlklingendsten sein, diese Stunde nur entweihen, ihren Frieden nur stören könnten. Sie wußte besser, als Emil es ahnen mochte, auf welch' vulkanischem Grund und Boden der Tempel dieses Friedens errichtet war; sah die furchtbaren Erschütterungen wohl vorher, welche das flüchtige Gebäude in Trümmer zu stürzen drohten; weil sie nicht ausbleiben konnten, sobald neue, kühnere Wünsche über die heutige Wehmuth des kaum beschwichtigten, in Wonnethränen verschwimmenden Freundes wieder siegten.
Sie schnitt Emil's Rede ab mit der Aeußerung: »Jetzt lassen wir ihn; er bedarf der Ruhe und diese findet er nur, wenn er allein bleibt.« Dabei ergriff sie den Leuchter, den ihr Gemal fortgestellt, als er sich zum zweitenmale Gustav's Lager genähert, und begab sich aus dem Zimmer, ohne Rückblick. Sie eilte, wie wenn sie länger zu weilen fürchtete und ließ die Freunde im Dunkel zurück. Bald nachher tappte sich auch Emil durch die finstern Gänge; aber nicht, um wie gewöhnlich in seine Gemächer zu treten. Er stellte sich bei Agnes ein, die über des Gatten Erscheinung erschrak, wie sie über einen, aus dem Versteck hervorbrechenden Räuber hätte erschrecken können: »Was willst Du bei mir? « fragte sie.
»Dir danken für das Opfer, welches Du mir gebracht; für die Güte, womit Du meine Bitte erfülltest; für die Nachsicht und Geduld, welche Du daran setzen wolltest, einen Unbändigen wieder zu zähmen, der mir ohne Deine Großmuth verloren war.«
»Und wer sagt Dir, Emil, daß ich großmüthig für Dich allein handelte? Wer bürgt Dir für mein Herz, ob es nicht seinem eigenen Antriebe folgend, denjenigen zu versöhnen, aufzurichten strebte, den es auch sich erhalten wissen will? Woher weißt Du so bestimmt, daß mir Gustav gleichgiltig ist?«
»Gleichgiltig – nun das sag' ich ja nicht. Du bist zu wohlwollend, zu gut, als daß Dir ein gutmüthiger, eigentlich begabter,
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