Silberband 043 - Spur zwischen den Sternen
warteten, bis der Behälter leer war.
Roi faltete das gerollte Stück Plastikfolie gefaßt auseinander.
Er empfand keinen Triumph, als er das Zeichen sah, das ihn in die Gruppe der Behandlungsberechtigten einreihte. Er fühlte sich im Gegenteil ausgebrannt, nachdem die Anspannung nachließ.
Oro nahm das letzte im Kasten verbliebene Los. Seine mächtigen Finger zitterten leicht, als er es öffnete. Dann zog er scharf die Luft ein, wandte sich nach Roi um und nickte ihm ernst zu.
Unwillkürlich atmete Mike Rhodan auf.
Also hatte Oro es ebenfalls geschafft. Man würde allerdings sein Plasma mit normalem Blutersatz verdünnen müssen – wie das der anderen Ertruser und Epsaler auch –, damit er nicht mehr beanspruchte als jeder normale Mensch auch.
Die sechs weniger Glücklichen wollten sich schweigend entfernen. Danton eilte ihnen nach und drückte ihre Hände.
Er wollte ihnen Trost zusprechen, bekam aber keinen Laut heraus. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Außerdem wären Trostworte in dieser Situation unpassend gewesen.
Nachdem die Ausgesonderten den Saal verlassen hatten, ertönte die strenge Stimme Dr. Hamorys über die Interkomanlage.
»Worauf warten Sie noch, meine Herren! Beeilen Sie sich, oder die Pest bricht noch bei Ihnen aus, bevor der Blutaustausch beendet ist.«
»Rohling!« knurrte Oro Masut.
Danton winkte ab. »Vorwärts, Leute! Doc Hamory hat recht.«
Die achtundneunzig Lebenskandidaten setzten sich in Bewegung.
In drei winzigen Räumen der Bordklinik, den einzigen, die Hamory hatte frei machen lassen können, waren die Apparaturen für den Blutaustausch untergebracht. Sie sahen nicht besonders vertrauenerweckend aus, denn es handelte sich durchweg um Notapparaturen für die Versorgung Schwerverletzter an Ort und Stelle. Die vollautomatischen Gerätebehälter waren sämtlich für die Behandlung der Schwerkranken eingesetzt. Die Mediziner der FRANCIS DRAKE, die unter den Glücklichen waren, eilten zuerst an die Blutaustauscher.
Roi Danton hatte diese Bevorzugung aus gutem Grund angeordnet. Die Ärzte wurden anschließend sofort wieder zur Versorgung der Erkrankten eingesetzt. Auch dort arbeitete man mit Blutaustauschern, wechselte von radioaktiv bestrahltem Ersatzplasma zu einer Flüssigkeit, die mit Antikörpern künstlich angereichert war und wieder zu dem inzwischen gereinigten und bestrahlten Eigenblut.
Bisher war alles vergebens gewesen.
Die Kyborgmaschinen reichten nicht aus, und selbst die darin eingebetteten Kranken starben spätestens dann, wenn die großen Blutgefäße des Hirns barsten und den Gehirntod einleiteten. Vorher waren die wichtigsten Körperorgane wie Herz, Lunge, Nieren, Leber und Verdauungstrakt längst abgestorben gewesen. Man durfte einen Patienten jedoch nicht eher aus der Kyborgeinheit nehmen, bevor auch sein Gehirn keine Aktionsströme mehr aufwies und die Zellproben erwiesen, daß die Nervenzellen irreparabel gestorben waren.
Für alle Mediziner und Helfer bedeutete das eine ungeheure Nervenbelastung. Praktisch konnten sie nur noch mit Hilfe von Medikamenten arbeiten, die den Gefühlssektor vorübergehend ausschalteten.
Nachdem die Mediziner den Blutaustausch hinter sich hatten, verlief die übrige Behandlung nach der Reihenfolge des Alphabets.
Demzufolge kam Danton sehr bald an die Reihe.
Er legte sich auf die Behelfsliege und sah zu, wie Oro Masut die Anschlüsse befestigte. Der Ertruser hatte, wie zahlreiche andere Freifahrer auch, einen Kursus in Erster Hilfe absolviert. Das verpflichtete ihn, seine Fähigkeiten in den Dienst der Blutaustauschaktion zu stellen. Die hochqualifizierten Ärzte hatten andere Aufgaben zu erfüllen.
Dem Freihändlerkönig wurde schwarz vor Augen, als das Pumpaggregat mehr und mehr Blut aus seinem Körper sog. Die angewandte Methode war äußerst unangenehm. »Roßkur« hatte Oro dazu gesagt, und so ganz unrecht hatte er damit nicht gehabt. Eine bessere Methode, eine Vermischung zwischen Eigenblut und Blutersatz zu verhindern, gab es jedoch bisher nicht.
Roi merkte nicht, wie ihm das Bewußtsein schwand. Er rekonstruierte den Vorgang erst, nachdem er wieder zu sich gekommen war.
Unwillkürlich blickte er zu dem transparenten Plastikbehälter, in dem die gelblichweiße Substanz des Plasmabionten allmählich abnahm.
Er versuchte, in sich ›hineinzuhorchen‹, ob er etwas von der Anwesenheit des flüssigen Symbionten spürte.
Doch außer dem Gefühl abnehmender Schwäche verspürte er nichts.
Nach und nach, in dem
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