Todesrennen
über das Austernboot hinweggeflogen. Als er mit der Eagle wieder gewendet hatte und zurückflog, rauschte die Schute mit hoher Geschwindigkeit nach Weehawken. Aus der Vogelperspektive blickte er auf ein Gewirr von Eisenbahngleisen hinab, die sich nach einem Dutzend Piere auffächerten und zu Depots und einem ausgedehnten Viehhof voller umhertrottender Rinder führten. Diese wurden zu Tausenden aus den Zügen hinausgetrieben, auf Viehtransportschiffe verladen und über den Fluss zu den Schlachthöfen von Manhattan gebracht.
Bell folgte dem Boot, näherte sich ihm von hinten und feuerte immer wieder seine Pistole ab. Doch in derart geringer Höhe tanzte und schlingerte die Flugmaschine in dem mit Rauch geschwängerten Wind, wodurch ein genaues Zielen unmöglich war, während ihm Harry Frost, der sich auf der deutlich stabileren Plattform des Austernboots befand, seinen Bleihagel mit erstaunlicher Genauigkeit entgegenwerfen konnte. Bell sah, wie ein weiteres Loch in seiner Tragfläche klaffte. Eine Kugel sirrte dicht an seiner Wange vorbei.
Dann traf ein glücklicher Schuss eine Tragflächenverstrebung.
Der Draht riss mit einem lauten Knall, als die zentnerschwere Spannung abrupt freigesetzt wurde. Bell hielt den Atem an und rechnete damit, dass gleich die gesamte Tragfläche abbräche, weil sie nicht mehr gehalten wurde. Enge Kurven erhöhten die Spannung. Doch er musste eine enge Kurve fliegen, und das schnellstens, um die fliehende Schute noch einmal zu überfliegen, ehe sie die Landungsbrücken erreichte. Wenn Harry Frost es schaffte, an Land zu gehen, hatte er eine reelle Chance zu entkommen. Bell folgte der Schute, feuerte mit seiner nahezu nutzlosen Pistole und schwor sich, dass er, wenn er dieses Duell lebend überstand, die Mechaniker anweisen werde, die American Eagle mit einer Drehlafette für ein automatisches Gewehr auszustatten.
Frosts Skipper steuerte auf einen Pier zu, an dem auf einer Seite ein Segelschoner vertäut war und auf dessen anderer Seite ein Nitrat-Clipper lag, dessen Ladung aus Guano soeben gelöscht wurde. Die Segelschiffe schirmten den Pier mit Wäldern aus Masten und Dickichten aus Querbäumen ab. Es war Bell unmöglich, gezielt auf Frost zu schießen, geschweige denn eine Landung auf dem Pier zu versuchen.
Das Austernboot hielt unter einer Leiter an. Frost kletterte sie so schnell wie ein Grizzly hinauf. Als er den Pier betrat, blieb er für einen kurzen Moment stehen und beobachtete Bell, der über ihm kreiste. Dann winkte er ihm triumphierend zu und setzte seine Flucht fort. Zwei Männer mit Schlapphüten – Eisenbahndetektive – versperrten ihm den Weg. Frost streckte beide mit Faustschlägen zu Boden, ohne auch nur für einen winzigen Moment aus dem Tritt zu geraten.
Bells Blick wanderte suchend über das Industriegelände. Natürlich war nirgendwo eine größere Grasfläche in Sicht. Im Depot fuhren Güterzüge hin und her, und auf dem Viehhof drängten sich Ochsen und Kühe. Er entschied sich für die einzige Möglichkeit. Indem er sich gegen einen Querwind stemmte und auf wenigstens achtzig Meter freie Fläche hoffte, versuchte er, seine Flugmaschine auf den Pier hinunterzubringen, der parallel zu dem Pier verlief, an dem Frost an Land gegangen war. Eine Rangierlokomotive zog entgegenkommenderweise soeben einige Güterwagen in Richtung Depot. Aber Hafenarbeiter mit Schubkarren waren auf dem Pier unterwegs, und ein Pferdegespann näherte sich mit einem Frachtwagen im Schlepptau.
Der Lärm von Bells Gnome-Motor, der laut ratterte, als er ihn mehrmals aus- und wieder einschaltete, um seine Maschine abzubremsen, machte die Pferde scheu. Sie blieben stocksteif stehen. Als sie den hellgelben Eindecker vom Himmel herabsinken sahen, bäumten sie sich auf und wichen zurück. Die Hafenarbeiter gingen in Deckung und machten einen Weg frei, allerdings ließen sie gleichzeitig ihre Schubkarren stehen.
Der Pier war knapp dreißig Meter breit. Die Tragflächen der American Eagle hatten eine Spannweite von etwa dreizehn Metern. Bell setzte mit seinem Aeroplan in der Mitte eines glatten Holzstegs zwischen zwei Eisenbahngleisen auf. Die gummigefederten Räder fingen den Aufprall auf und gaben so weit nach, dass die Kufen wie Bremsen funktionierten. Aber die Holzbohlen waren weitaus glatter als eine Grasnarbe, und so rutschte die Eagle wie ein Skifahrer auf Schnee nahezu ungebremst weiter, bis sie mit einer Schubkarre kollidierte. Die Schubkarre verkeilte sich zwischen den Kufen und
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