Ueber Deutschland
stufenweise seine ganze Wichtigkeit. Ein Charakter, wie der des Götz von Berlichingen, konnte eine Veränderung dieser Art nicht ohne Schmerz ertragen.
Von jeher ist der militärische Geist in Deutschland roher als irgendwo gewesen; nur in Deutschland kann man sich wahrhaft und in der Natur jene Männer von Eisen denken, deren Abbildungen und Gestalten man noch in den Zeughäusern der alten Reichsstädte findet. Gleichwohl ist die Einfalt der Rittersitten mit unendlichem Reize in Götz geschildert. Der alte Götz, immer im Schlachtengetümmel, im Harnisch bei Tag und Nacht, zu Roß, und nie sich ausruhend, als wenn er in seiner Burg belagert wird, nur auf Krieg und Fehde bedacht, nur Krieg und Fehde athmend; dieser alte Götz giebt uns den höchsten Begriff vom Interesse und der Thätigkeit des damaligen Lebens. Seine Tugenden, wie seine Fehler, sind stark ausgesprochen; nichts ist edler als seine Freundschaft gegen Weislingen, der ehedem so treu an ihm hing, hernach sein Feind ward, und ihn endlich verrieth. Die Empfindsamkeit unter dem eisernen Panzer eines unerschrockenen Kriegers, spricht das Gemüth von einer ganz neuen Seite an; wir haben Zeit, in unserm unthätigen Leben, nach Muße und Bequemlichkeit zu lieben; aber jene Blitze der aufwallenden Zärtlichkeit, die mitten im stürmischen Leben aus einem Herzen der alten Zeit hervorblicken, bringen eine tiefe und seltsame Rührung im Zuschauer hervor. Man fürchtet so sehr, in dem schönsten Geschenk des Himmels, in der Empfindsamkeit, Spuren der Erkünstelung und ein angenommenes Wesen zu entdecken, daß man nicht selten die rauhe Aussenseite vorzieht, weil sie uns wenigstens für die Offenheit bürgt.
Götzens Gattin zeigt sich der Einbildungskraft wie ein altes Gemälde der Niederländischen Schule, wo Tracht, Blick, ja selbst die ruhige Stellung uns das dem Manne untergebene Weib ankündigen, das Weib, das nur ihn kennt, und in ihren Augen eben so sehr bestimmt ist, ihm zu dienen, als er, sie zu beschützen. Göthe hat im Contrast mit der alt-deutschen Hausfrau, eine Buhlerinn, ein verworfenes Frauenzimmer aufgestellt, eine Adelheid, die Weislingen verführt, ihn wortbrüchig macht, ihm ihre Hand giebt, ihm ungetreu wird. Sie erregt die heftigste Leidenschaft in ihrem Edelknaben, verstrickt und zieht den Unglücklichen so unwiderstehlich an sich, daß er zuletzt auf ihr Geheiß seinen Herrn vergiftet. Diese Züge sind stark, doch ist es vielleicht nur zu wahr, daß da, wo die Sitten im Allgemeinen rein sind, diejenige, die sich von ihrer Pflicht entfernt, bald durchaus verderbt wird. Der Wunsch, zu gefallen, ist heut zu Tage ein bloßes Band der Zuneigung und des Wohlwollens; ehedem, im strengen häuslichen Leben unserer Vorfahren, war dieser Wunsch nicht selten eine Verirrung, die zu allen übrigen führen konnte. Die strafbare Adelheid liefert den Stoff zu einem der schönsten Auftritte im Stück, der Sitzung des heimlichen Gerichts.
Heimliche Richter, einander unbekannt, beständig verlarvt, und sich bei Nachtzeit versammelnd, straften schweigend, und gruben bloß auf den Dolch, den sie in die Brust des Schuldigen stießen, die Worte ein: Heimliches Gericht . Sie warnten den Verurtheilten durch ein dreimaliges Wehe, unter seinen Fenstern gerufen. Von Stund an wußte der Unglückliche, daß er allenthalben, im Vaterlande, im Auslande, im Mitbürger, im Blutsfreunde, seinen Mörder zu fürchten hatte. Die Einsamkeit, die Menschenmenge, Städte, Felder, alles war mit der unsichtbaren Gegenwart des bewaffneten Mitwissens angefüllt, das den Verbrecher verfolgte. Man begreift, wie nothwendig ein solches Gericht zu einer Zeit seyn konnte, als jeder Einzelne stark gegen Alle war, anstatt daß Alle stark gegen den Einzelnen hätten seyn sollen. Damals mußte das Schwert der Gerechtigkeit den Schuldigen treffen, ehe er sich desselben erwehren konnte; allein diese Strafe, die wie ein rächender Schatten in den Lüften schwebte, dieses Todesurtheil, das sogar dem Busen eines Freundes zur Ausführung anvertraut seyn konnte, war von allmächtiger Wirkung und brachte unwiderstehliches Entsetzen hervor.
Noch ist im Stück ein schöner Moment derjenige, wo Götz sich in seiner Burg zur Wehre stellen will, und unter andern Befehl giebt, daß man das Blei von seinen Fenstern reiße und zu Kugeln einschmelze. In diesem Manne liegt überhaupt eine kalte Verachtung der Zukunft und eine bewundernswürdige Thatkraft für den gegenwärtigen Augenblick. Zuletzt sieht Götz
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