Ueber Deutschland
losgebunden; er führt das Schiff glücklich die Brandungen durch, und vom Steuer springt er mit dreistem Glück das schroffe Ufer hinan, und stößt das Fahrzeug wieder ab. Mit der Erzählung dieses Abenteuers beginnt der vierte Akt. Kaum angelangt in seiner Wohnung, erfährt Tell, daß ihm mit Weib und Kindern neue Gefahren drohen; und jetzt entschließt er sich, Geßlern zu erschießen. Er hat nicht die Absicht, sein Vaterland vom fremden Joche zu befreien; ihm ist unbewußt, ob Oestreich über die Schweiz zu herrschen ein Recht habe oder nicht; nur eines weiß er, und dieses eine ist: ein Mensch war gegen einen Menschen ungerecht; ein Vater ward gezwungen, einen Pfeil nahe dem Herzen seines Kindes abzudrücken – und er hat es bei sich entschieden: der Urheber eines solchen Verbrechens muß sterben!
Sein Selbstgespräch ist unvergleichlich, ihn schaudert vor dem Mord; gleichwohl ist er keinen Augenblick unschlüssig, ob er ein Recht dazu habe oder nicht. Er vergleicht den bisher unschuldigen Gebrauch seiner Armbrust in Spielen und auf der Jagd, mit dem strengen Auftrag, den er ihr giebt; er setzt sich auf eine steinerne Bank nieder, und erwartet Geßlern, der in diese Straße einlenken muß.
Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen,
Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet, –
Denn hier ist keine Heimath – Jeder treibt
Sich an dem andern rasch und fremd vorüber,
Und fraget nicht nach seinem Schmerz. Hier geht
Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht
Geschürzte Pilger – der andächt'ge Mönch,
Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,
Der Säumer mit dem schwer beladnen Roß,
Der ferne herkommt von der Menschen Länder,
Denn jede Straße führt ans End' der Welt.
Sie alle ziehen ihre Wege fort
An ihr Geschäft. – Und meines ist der Mord!
Sonst, wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
Da war ein Freuen, wenn er wiederkam,
Denn niemals kehrt' er heim, er bracht' euch etwas,
War's eine schöne Alpenblume, war's
Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,
Wie es der Wandrer findet auf den Bergen. –
Itzt geht er einem andern Waidwerk nach,
Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken,
Des Feindes Leben ist's, worauf er lauert.
– Und doch an euch nur denkt er, lieben Kinder,
Auch jetzt! – Euch zu vertheid'gen, eure holde Unschuld
Zu schüzen vor der Rache des Tyrannen,
Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen,
Bald nachher sieht man Geßler den Berg hinabreiten. Ein unglückliches Weib, dessen Gatten er im Gefängniß schmachten läßt, wirft sich ihm zu Füßen und fleht um Gnade; er verachtet, er verstößt das Weib; sie fleht von neuem, ergreift das Pferd beim Zügel, und verlangt: er solle über sie wegsetzen oder ihr den geliebten Mann zurückgeben. Geßler, über das Wehklagen ungeduldig, macht sich selbst Vorwürfe darüber, daß die Schweiz noch so viel Freiheit genießt.
Ich will ihn brechen, diesen starren Sinn.
Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen.
Ein neu Gesetz will ich in diesem Lande
Verkündigen. Ich will – – –
Ein Pfeil durchbohrt ihn. Er sinkt vom Pferde und spricht mit matter Stimme:
Das ist Tell's Geschoß!
Tell.
(zeigt sich ihm oben auf dem Felsen.)
Du kennst den Schützen, suche keinen andern!
Bald läßt sich der laute Jubel des geretteten Volkes hören, und die Befreier der Schweiz erfüllen ihren Eid, und schütteln das Oestreichische Joch ab.
Hier sollte das Stück enden, wie das Trauerspiel Maria Stuart mit dem Tode der Königin von Schottland; aber in beiden hat es Schillern gefallen, eine Art von Zusatz oder Erklärung anzuhängen, die nach vollendeter Hauptcatastrophe die Aufmerksamkeit unmöglich fesseln können. Nach Mariens Hinrichtung läßt Schiller Elisabeth noch einmal auftreten; er macht uns zu Zeugen ihrer Unruhe, ihres Schmerzes bei der Nachricht, daß Leicester zu Schiffe nach Frankreich gegangen. Diese poetische Gerechtigkeit muß vorausgesetzt, nicht dargestellt werden; der Zuschauer erträgt es nicht, Elisabeth anzuhören, nachdem er Mariens letzte Augenblicke gesehen. In Wilhelm Tell, tritt Herzog Johann Parricida, der seinen Oheim den Kaiser Albrecht erschlug, weil ihm dieser sein Erbe vorenthalten, als Mönch verkleidet, in Tells Wohnung ein, und fleht um ein Obdach; er bildet sich ein, beide hätten dieselbe Handlung begangen, aber Tell stößt ihn mit Abscheu von sich, und beweiset ihm, wie verschieden beider Beweggründe waren. Der Gedanke, beide Männer im Gegensatz aufzustellen, ist richtig und sinnreich;
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