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Was aus den Menschen wurde: Meisterwerke der Science Fiction - Mit einem Vorwort von John J. Pierce (German Edition)

Was aus den Menschen wurde: Meisterwerke der Science Fiction - Mit einem Vorwort von John J. Pierce (German Edition)

Titel: Was aus den Menschen wurde: Meisterwerke der Science Fiction - Mit einem Vorwort von John J. Pierce (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Cordwainer Smith
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falsch ausspricht und sie es zufällig hören sollte, könnte es die Verbindung zwischen ihr und der lamellierten Maus überlagern.«
    Die beiden betrachteten das Blatt Papier. In klarer, archaischer Schrift stand dort:
    Mädchen, wenn ein Mann
erscheint und macht dich an,
dann denke blau,
zähl bis zwei
und suche einen roten Schuh.
    Die Techniker lachten freundlich. »Das ist gut«, sagte der erste Techniker.
    Tiga-belas schenkte ihnen ein verlegenes, dankbares Lächeln.
    »Schalten Sie beide ein«, sagte er. »Leb wohl, Mädchen«, murmelte er dann leise. »Leb wohl, Maus. Vielleicht sehen wir uns in vierundsiebzig Jahren wieder.«
     
    Der Raum wurde von einer Art unsichtbarem Licht erhellt, das in ihren Köpfen aufblitzte.
    Im Mondorbit dachte ein Navigator an die roten Schuhe seiner Mutter.
    Zwei Millionen Menschen auf der Erde begannen »eins-zwei« zu zählen und fragten sich dann, warum sie das getan hatten.
    Ein kluger junger Sittich in einem Orbitalschiff rezitierte den ganzen Vers und verwirrte die Mannschaft, die verdutzt über den Sinn nachzudenken begann.
    Davon abgesehen gab es keine Nebenwirkungen.
    Das Mädchen in dem Sarg krümmte unter der schrecklichen Belastung den Körper. Die Elektroden hatten die Haut an ihren Schläfen versengt; die Brandmale hoben sich hellrot von der gefrorenen, jungen Haut des Mädchens ab.
    Der Würfel verriet keine Reaktion der totlebendigen, lebendtoten Maus.
    Während der zweite Techniker Veeseys Brandmale mit einer Salbe behandelte, setzte Tiga-belas einen Helm auf und berührte sacht die Kontaktstellen des Würfels, ohne seine Verbindung zu der sargförmigen Kapsel zu unterbrechen. Zufrieden nickte er. Und trat zurück. »Sie sind sicher, dass alles funktioniert hat?«
    »Wir werden es noch einmal überprüfen, bevor sie tiefgefrostet wird«, sagte der erste Techniker.
    » Marcia und die Mondmenschen, wie?«
    »Ich lasse Sie es wissen, falls irgendetwas fehlt. Aber das wird nicht der Fall sein.«
    Tiga-belas warf einen letzten Blick auf das unbeschreiblich wunderschöne Mädchen. Dreiundsiebzig Jahre, zwei Monate, drei Tage, dachte er. Und auf sie warten, außerhalb des Geltungsbereiches der irdischen Gesetze, tausend Jahre. Und dem Mäusegehirn stehen eine Million Jahre zur Verfügung.
    Veesey würde niemals einen von ihnen kennenlernen – weder den ersten Techniker noch den zweiten Techniker noch Tiga-belas, den psychologischen Wächter.
    In der Stunde ihres Todes würde sie wissen, dass Marcia und die Mondmenschen ihr die schönsten blauen Lichter, den hypnotischen Zählreim »eins-zwei, eins-zwei« und die hübschesten roten Schuhe gezeigt hatten, die jemals auf oder über der Erde von einem Mädchen getragen worden waren.

III
    Dreihundertsechsundzwanzig Jahre später musste sie erwachen.
    Ihre Kapsel hatte sich geöffnet.
    Jeder Muskel und jeder Nerv ihres Körpers schmerzten.
    Das Schiff kreischte in höchster Not, und sie musste aufstehen.
    Sie wollte schlafen, schlafen oder sterben.
    Das Schiff kreischte weiter. Sie musste aufstehen.
    Sie hob den Arm und legte ihn auf den Rand ihres Sargbettes. Sie hatte in der Ausbildungszeit, bevor man sie unter die Erde schickte, um dort hypnotisiert und eingefroren zu werden, geübt, wie man sich in das Bett legte und es wieder verließ. Sie wusste, wonach sie greifen, worauf sie achten musste. Sie rollte sich auf die Seite. Sie öffnete ihre Augen.
    Die Lampen waren gelb und grell. Sie schloss die Augen wieder.
    Diesmal erklang irgendwo in ihrer Nähe eine Stimme. Sie schien zu sagen: »Nimm den Trinkhalm in den Mund.«
    Veesey gähnte.
    Die Stimme sprach weiter.
    Irgendetwas Kratziges drückte gegen ihren Mund.
    Sie öffnete ihre Augen.
    Die Umrisse eines menschlichen Kopfes hatten sich zwischen sie und die Lampen geschoben.
    Sie blinzelte und versuchte zu erkennen, ob es sich vielleicht um einen der Ärzte handelte. Nein, sie befand sich auf dem Schiff.
    Das Gesicht kam näher.
    Es war das Gesicht eines sehr gutaussehenden und sehr jungen Mannes. Seine Augen fesselten ihre Blicke. Noch nie zuvor hatte sie jemanden gesehen, der so hübsch und sympathisch zugleich war wie er. Sie musterte ihn genauer und stellte fest, dass sie zu lächeln begonnen hatte.
    Der Trinkhalm schob sich zwischen ihre Lippen und Zähne. Automatisch begann sie zu saugen. Die Flüssigkeit erinnerte an Suppe, aber sie besaß auch einen medizinischen Geschmack.
    Das Gesicht verfügte über eine Stimme. »Wach auf«, sagte es, »wach auf. Es

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