Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
Herrn Goljadkin und Olsufi Iwanowitsch herum. Alles wurde still und ruhig; alle beobachteten ein feierliches Schweigen; alle blickten Olsufi Iwanowitsch an, offenbar in Erwartung von etwas sehr Ungewöhnlichem. Herr Goljadkin bemerkte, daß neben Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl und ebenfalls dem Rate gegenüber der andere Herr Goljadkin und Andrei Filippowitsch Platz genommen hatten. Das Schweigen dauerte ziemlich lange; man wartete tatsächlich auf etwas. »Genau so wie in einer Familie, bevor einer eine weite Reise antritt; man brauchte jetzt nur aufzustehen und zu beten,« dachte unser Held. Auf einmal entstand eine ungewöhnliche Bewegung und unterbrach alle seine Überlegungen. Etwas längst Erwartetes war eingetreten. »Er kommt, er kommt!« wurde in der Menge gerufen. »Wer kommt denn?« fuhr es Herrn Goljadkin durch den Kopf, und ein sonderbares Gefühl ließ ihn zusammenfahren. »Es ist Zeit!« sagte der Rat, indem er Andrei Filippowitsch bedeutsam ansah. Andrei Filippowitsch warf seinerseits dem alten Olsufi Iwanowitsch einen Blick zu. Olsufi Iwanowitsch nickte würdevoll und feierlich mit dem Kopfe. »Erheben wir uns!« sagte der Rat und veranlaßte Herrn Goljadkin zum Aufstehen. Alle erhoben sich. Darauf ergriff der Rat Herrn Goljadkin den älteren bei der Hand und Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin den jüngeren, und so führten sie die beiden vollkommenen Ebenbilder durch die Menge, die sie in gespannter Erwartung umgab, feierlich aufeinander zu. Unser Held blickte erstaunt um sich; aber man hielt ihn sogleich davon ab und wies ihn auf Herrn Goljadkin den jüngeren hin, der ihm die Hand entgegenstreckte. »Man will uns miteinander versöhnen,« dachte unser Held und hielt gerührt seine Hand Herrn Goljadkin dem jüngeren hin; dann, dann streckte er auch den Kopf zum Kusse vor. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljadkin ... In diesem Momente schien es Herrn Goljadkin dem älteren, daß sein treuloser Freund lächelte und der ganzen umstehenden Menge schnell und listig zublinkte, daß ein boshafter Zug auf dem Gesichte des unedlen Herrn Goljadkin des jüngeren zum Ausdruck kam, und daß er sogar im Augenblicke seines Judaskusses eine Grimasse schnitt ... In Herrn Goljadkins Kopfe dröhnte es; vor den Augen wurde es ihm dunkel; es kam ihm vor, als ob eine Unmenge, eine ganze Reihe ganz ähnlicher Goljadkins lärmend durch alle Türen des Saales hereindränge; aber es war zu spät ... Der Verräter hatte ihm schon einen schallenden Kuß gegeben, und ...
Da begab sich etwas ganz Unerwartetes ... Die Saaltür wurde geräuschvoll geöffnet, und auf der Schwelle erschien ein Mensch, dessen bloßer Anblick Herrn Goljadkin zu Eis erstarren ließ. Seine Füße wuchsen am Boden fest. Ein Schrei erstarb in seiner beengten Brust. Übrigens hatte Herr Goljadkin alles vorher gewußt und schon längst etwas Ähnliches geahnt. Der Unbekannte näherte sich Herrn Goljadkin würdevoll und feierlich. Herr Goljadkin kannte diese Gestalt sehr gut. Er hatte sie schon gesehen, sehr oft gesehen, noch an diesem selben Tage gesehen ... Der Unbekannte war ein hochgewachsener, kräftig gebauter Mann, in schwarzem Frack, mit einem hohen Orden am Halse, mit dichtem, sehr schwarzem Backenbart; es fehlte nur die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit vollständig zu machen. Der Blick des Unbekannten bewirkte, daß, wie schon oben gesagt, Herr Goljadkin vor Angst zu Eis erstarrte. Mit würdevoller, feierlicher Miene trat der furchtbare Mensch auf den bedauernswerten Helden unserer Erzählung zu ... Unser Held streckte ihm die Hand entgegen; der Unbekannte ergriff sie und zog ihn hinter sich her ... Verstört und niedergedrückt blickte unser Held rings um sich.
»Das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakow Petrowitsch!« schnatterte eine widerwärtige Stimme dicht an Herrn Goljadkins Ohr. Er sah sich um: es war der wegen seiner Nichtswürdigkeit hassenswerte Zwillingsbruder des Herrn Goljadkin. Eine unedle, boshafte Freude glänzte auf seinem Gesichte: entzückt rieb er sich die Hände; entzückt drehte er seinen Kopf nach allen Seiten; entzückt trippelte er um all und jeden herum; er schien Lust zu haben, gleich auf dem Flecke vor Entzücken loszutanzen; zuletzt sprang er vor, nahm einem der Diener eine Kerze aus der Hand und ging voran, um Herrn Goljadkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljadkin hörte deutlich, wie alle, die im Saale waren, hinter ihm
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