Zigeuner
um ihre Geschwister. Manchmal klimperte Eva auf einer kaputten Gitarre herum, und wenn sie mit ihrer klaren hellen Stimme vor sich hinsang, wirkte sie selbstvergessen und ein wenig entrückt. Sie erzählte mir, sie könne schreiben und rechnen, weil sie früher zwei Jahre die Schule besucht habe. Es dauerte eine Weile, bis mir auffiel, dass »schreiben können« in Wolkendorf hieß, dass man halbwegs in der Lage war, seinen Namen zu Papier zu bringen. Einmal fragte ich Evas Vater, weshalb er seine Kinder nicht zur Schule nach Apold schicke. Gorbi sagte allen Ernstes: »Ich will ja, aber meine Frau will nicht.« Als ich meinte, als gestandenes Mannsbild müsse er sich halt durchsetzen, wollte er mir hoch und heilig versprechen, Eva künftig »eigenhändig zur Schule zu prügeln«. Aber Gorbi war ein friedfertiger Mensch. Er sagte das nur, weil er glaubte, die Antwort würde mir Freude bereiten. Wenn wir uns hernach auf der Dorfstraße begegneten, schlug er sich mit der Faust auf die Brust und murmelte: »Ich bin ein Mann, ich bin ein Mann.«
Anfang der neunziger Jahre wurde allen Familien in Wolkendorf von der Gemeinde staatliches Land zur Bewirtschaftung zugesprochen. Clara erzählte mir, auch sie hätten ihren Acker bestellt, Mais angepflanzt und Unkraut gerupft, doch habe es leider nichts zu ernten gegeben. Der faule Dorfschäfer trage Schuld, weil er seine Herde nicht auf die Bergwiesen, sondern durch das Feld getrieben habe. Eine plausible Erklärung, fürwahr. Zwar wusste niemand im Dorf die Geschichte zu bestätigen, aber das muss ja nichts heißen.
Die Großmutter väterlicherseits war Gorbis Mutter Suzanna, der, wie erwähnt, die eigenen Kinder reihenweise weggestorben waren. Was mit ihr los war? Schwer zu sagen. Alle hatten Angst vor ihr. Suzanna war eine extrem launische Frau, die nie sprach, sondern schrie. Eine Großmutter, die ihre Enkelkinder verdrosch und ständig mit den Füßen nach ihnen trat. Meistens gingen die Tritte ins Leere, weil die Kinder zu flink waren, doch rote Blutspritzer an der Hauswand zeugten davon, dass sie mitunter in ihrem Furor kaum zu bremsen war. Wenn sie getrunken hatte und wütend war, zog sie schimpfend durchs Dorf, dass sogar ihre Enkel die Hände wie Scheibenwischer vor den Augen bewegten, um zu bekunden, dass ihre Oma verrückt war. Einmal saß sie tagelang mit klagendem Gejammer vor ihrem Haus, bis ich bemerkte, dass sie einen schmutzigen Lappen um die Hand gewickelt hatte. Darunter verbarg sie einen dick geschwollenen Finger, der vereitert war und ihr höllische Schmerzen bereitet haben muss. Nachdem wir ihr in Schäßburg ein Antibiotikum besorgt hatten, ging es ihr besser, und sie war nach wenigen Tagen wieder die alte. Heute denke ich, dass Suzanna psychisch krank war. Aber wo hätte sie gesunden können in dem Irrenhaus Ceauşescus? Wer die psychiatrischen Verwahranstalten, diese Gruselkabinette der Entwürdigung gesehen hat, wird zu der Annahme neigen, dass Suzanna Gabor in Wolkendorf recht gut aufgehoben war. Zumal sie in ihrem sanften Mann Mathei einen Gegenpol fand, der rauchend und mit apathischem Gleichmut ihre Keifereien ertrug, bis sie sich wieder beruhigte.
Dann geschah etwas, das in Wolkendorf für helle Aufregung sorgte. Etwas, das die Menschen euphorisierte. Etwas, das Männer und Frauen aus dem Zustand depressiver Antriebslosigkeit herausholte, ja das ganze Dorf aus seiner Schockstarre kollektiver Tatenlosigkeit befreite. Kurzum: Es geschah ein Wunder.
»Der Hansi kommt, der Hansi kommt!« Paul Lopa hatte Tränen der Ergriffenheit in den Augen und wünschte allen ewiges Glück und ein langes Leben. Seine Frau Adele, so etwas wie die inoffizielle Bürgermeisterin von Wolkendorf, strahlte vor Freude, während Alfred mir die Nachricht von der Ankunft eines gewissen Hansi ins Ohr hauchte, als verrate er ein bedeutsames Geheimnis.
Es brauchte eine Zeit, bis ich verstand, dass dieser Satz die Wolkendorfer Welt auf den Kopf stellte. Just als die Siebenbürger Sachsen die Ausreisepapiere beantragten, kam einer aus Deutschland zurück. Kein Gescheiterter. Einer, der es geschafft hatte. Jemand, der vorhatte, die Menschen aus Wolkendorf in den Strom der Zeit zurückzuholen.
»Wenn der Deutsche kommt, wird alles gut«, nickte Gorbi und bekräftigte, dass er selbst jederzeit für jede Art von Arbeit zu haben sei, schließlich habe er schon in der alten LPG mit seiner Plansollübererfüllung höchstes Lob geerntet, habe Ahnung von Metallarbeiten und früher den
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