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05 - Der Schatz im Silbersee

05 - Der Schatz im Silbersee

Titel: 05 - Der Schatz im Silbersee Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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Shatterhand wendete sich also wieder zu dem Häuptling: „Ist es schon beschlossen, wo der Lauf um das Leben stattzufinden hat?“
    „Ja. Komm, ich werde es dir zeigen.“
    Old Shatterhand und der Hobble-Frank folgten ihm aus dem Kreis der Indianer hinaus; der ‚Springende Hirsch‘ blieb zurück; ihm war das Ziel bereits genannt worden. Der Häuptling zeigte nach Süden und sagte: „Siehst du den Baum, welcher auf dem halben Weg zwischen hier und dem Wald steht?“
    „Ja.“
    „Bis zu ihm soll gelaufen werden. Wer dreimal um ihn herumgeht und dann zuerst zurückkehrt, ist der Sieger.“
    Der Hobble-Frank maß die Entfernung mit den Augen und auch das ganze fernere südwärts gelegene Terrain, und meinte dann in englischer Sprache, welche er bekanntlich weit reiner sprach als das Deutsche: „Aber ich hoffe, daß Ehrlichkeit zwischen beiden Teilen vorhanden ist!“
    „Willst du sagen, daß du uns Unehrlichkeit zutraust?“ fragte der Häuptling scharf.
    „Ja.“
    „Soll ich dich niederschlagen?“
    „Versuche es! Die Kugel meines Revolvers würde schneller sein als deine Hand. Hat sich vorhin nicht der ‚Große Fuß‘ umgedreht, obgleich es verboten war? Ist das ehrlich gehandelt?“
    „Es war nicht unehrlich, sondern listig.“
    „Ah! Und solche Listen sollen erlaubt sein?“
    Der Häuptling besann sich. Sagte er ja, so war damit das Verhalten des ‚Großen Fußes‘ verteidigt, und vielleicht gab es jetzt für den ‚Springenden Hirsch‘ auch eine Veranlassung, zur List zu greifen. Diese Weißen leisteten weit mehr, als was man ihnen zugetraut hatte. Vielleicht war der kleine Kerl hier auch ein guter Läufer; da erschien es wohl geraten, seinem roten Gegner eine Zuflucht offenzuhalten. Darum antwortete er: „List ist kein Betrug. Warum soll sie verboten sein?“
    „Kann sie denn auch von der Erfüllung der Bedingungen entbinden?“
    „Nein, denn diesen muß genau nachgekommen werden.“
    „Dann erkläre ich mich einverstanden und bin bereit, den Lauf zu beginnen. Von welchem Punkt aus?“
    „Ich werde eine Lanze in die Erde stoßen, wo sich der Anfangs- und auch der Endpunkt des Laufes befinden soll.“
    Er entfernte sich für kurze Zeit, so daß die Weißen allein standen.
    „Dir ist wohl ein Gedanke gekommen?“ fragte Old Shatterhand.
    „Ja. Sehen Sie mir es an?“
    „Allerdings, denn du lachst so stillvergnügt vor dich hin.“
    „Es is ooch ganz zum Lachen. Dieser Häuptling hat mir mit seiner List schaden wollen und mir ganz im Gegenteele den größten Dienst erwiesen.“
    „Wieso?“
    „Das sollen Sie gleich hören. Was für een Boom ist das wohl, um den wir dreimal herumtanzen sollen?“
    „Es scheint eine Buche zu sein.“
    „Und sehen Sie mal weiter nach links; da schteht ooch een Boom, aber fast zweemal so weit. Was is das für eener?“
    „Eine Fichte.“
    „Schön. Wohin also sollen wir loofen?“
    „Nach der Buche.“
    „Ich werde aber gerade nach der Fichte rennen.“
    „Bist du toll!“
    „Nee. Ich loofe eben mit dem Kopf nach der Buche, mit den Füßen aber nach der Fichte, obgleich es dorthin doppelt so weit is.“
    „Aber zu welchem Zweck denn?“
    „Das werden Sie dann sehen und sich darüber freuen. Ich gloobe, daß ich mich in meinen Erwartungen nicht täusche. Wenn ich diesem ‚Schpringenden Hirsche‘ in die vordere Garnitur schaue, so scheint mir een Irrtum gar nicht möglich zu sein.“
    „Sei vorsichtig, Frank! Es handelt sich um das Leben.“
    „Na, wenn sich's nur bloß ums Leben handelte, so brauchte ich mich gar nich anzuschtrengen. Wenn ich besiegt würde, so blieb ich dennoch leben. Der ‚Große Fuß‘ hat zu schterben, und den Häuptling werden Sie ooch zu Boden bringen; gegen diese beede könnte ich ja ausgelöst werden. Also um mein Leben ist es mir gar nich bange; aber es handelt sich um die Ehre und Reputation. Soll denn schpäter in der Geschichte des vierten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts zu lesen sein, daß ich, der Hobble-Frank aus Moritzburg, von so eenem indianischen Merinogesicht überschprungen worden bin? Das lasse ich mir nich nachsagen.“
    „Aber, so erkläre mir wenigstens deine Absicht. Vielleicht kann ich dir einen guten Rat erteilen!“
    „Danke ergebenst! Den Rat habe ich mir schon selbst gegeben und will meine Erfindungen ooch selber ausbeuten. Nur sagen Sie mir eens: Wie heeßt Fichte in der Utahsprache?“
    „Ovomb.“
    „Ovomb? Sonderbarer Name! Und wie würde der kurze Satz heeßen: nach jener

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