09 - Old Surehand III
sondern mehr noch um die Hitze, die Ihr im Arm habt.“
Ich übernahm, während die Gefährten sich schlafen legten, die Wache und benützte diese ganze Zeit, den Arm des Alten mit Wasser zu kühlen. Kolma Putschi hatte freiwillig die Wache nach mir übernommen. Als ich, um ihn zu wecken, von Old Wabble fortging, hörte ich ihn hinter mir herbrummen:
„Heulmaier, alberner! Schäfleinshirte!“
Diese Art, mir zu danken, konnte mich nicht beleidigen. Ich hatte auf keinen Erfolg gehofft, und doch tat es mir unendlich leid um den alten Mann, daß ich ihn für unrettbar verloren halten mußte.
Als ich geweckt wurde, war es schon eine Stunde Tag. Ein kurzer Umblick genügte, mich zu überzeugen, daß alles in Ordnung sei, nur daß ich Kolma Putschi vermißte. Schahko Matto hatte nach ihm die Wache gehabt. Als ich diesen fragte, antwortete er:
„Kolma Putschi sagte mir, daß er nicht länger bleiben könne; der große Geist rufe ihn fort von hier. Ich soll Old Shatterhand, Winnetou und auch Apanatschka von ihm grüßen und ihnen sagen, daß er sie wiedersehen werde.“
„Hast du ihn fortreiten sehen?“
„Nein. Er ging fort. Ich wußte nicht, wo er sein Pferd hatte, und durfte diesen Platz nicht verlassen, weil ich Wächter war. Dann aber bin ich seiner Spur gefolgt. Sie führte mich in den Wald, nach der Stelle, an welcher sein Pferd versteckt gewesen ist. Wenn wir wissen wollen, wohin er geritten ist, werden wir leicht seine Fährte finden. Soll ich gehen, um sie aufzusuchen und Euch zu zeigen?“
„Nein. Wäre er unser Feind, müßten wir ihm folgen. Aber er ist unser Freund. Sollten wir das Ziel seines Rittes erfahren, würde er es uns freiwillig gesagt haben. Den Willen eines Freundes muß man achten.“
Bevor ich von dem Fleisch frühstückte, welches Kolma Putschi zurückgelassen hatte, ging ich hinaus, wo die Pferde angehobbelt waren. Sie befanden sich auf einer Grasbucht zwischen den gestern erwähnten Ausläufern des Waldes, wohin sie bei Tagesanbruch geschafft worden waren. Von da aus konnte man weit nach Norden sehen, woher wir gekommen waren. Indem ich nach dieser Richtung blickte, sah ich drei Punkte, welche sich unserm Lager näherten. Sie wurden schnell größer, bis ich zwei Reiter und ein Packpferd erkannte. Sollte es Thibaut mit der Squaw sein, die gestern doch nach Südwest geritten waren? Und wenn diese Vermutung richtig war, welche Gründe konnten ihn wohl bewogen haben, umzukehren und unserer Spur zu folgen?
Ich ging natürlich nach dem Lager, um Winnetou zu benachrichtigen.
„Dieser Mann braucht keine andern Gründe als nur seinen Haß zu haben“, sagte er. „Tibo taka will wissen, ob Old Shatterhand schon tot ist oder noch lebt. Wir werden uns verstecken.“
Wir krochen hinter die Büsche und warteten. Es dauerte nicht lange, so hörten wir die Schritte eines Pferdes. Thibaut hatte die Frau mit dem Packpferd eine kleine Strecke zurückgelassen und kam allein nach der Quelle, um zu rekognoszieren. Er sah Old Wabble und die Tramps gefesselt am Boden liegen und rief erstaunt aus:
„Behold! Sehe ich recht? Ihr seid gebunden? Wo sind denn die Kerls, welche gestern Eure Gefangenen waren?“
Old Wabble wußte nicht, daß wir auf das Kommen dieses Mannes vorbereitet waren und uns nur seinetwegen scheinbar entfernt hatten. Er rief ihm hastig und mit unterdrückter Stimme zu:
„Ihr seid hier? Ah, Ihr! Seit wann seid Ihr da?“
„Seit diesem Augenblick. Ich komme eben erst.“
„Dann schnell herunter vom Pferd, und schneidet uns los!“
„Losschneiden? Ich denke, Ihr betrachtet mich als Euren Feind!“
„Unsinn! Das war gestern nur so eine Redensart. Macht rasch!“
„Wo sind denn Eure Gefangenen?“
„Sie haben sich in der Nacht befreit und uns überrumpelt. Zaudert doch nicht so ewig, sondern macht uns los, nur los!“
„Wo stecken sie denn? Wenn sie nun kommen und mich überraschen!“
„So sind wir, wenn Ihr schnell macht, frei und schlagen sie nieder!“
„Well! Dieser Old Shatterhand besonders ist mir im Wege. Er muß unbedingt ausgelöscht werden. Darum komme ich Euch nach. Es ahnte mir, daß Ihr Unglück mit ihm haben würdet. Der muß erschossen werden, sobald man ihn erwischt, keinen Augenblick später, sonst verschwindet er gewiß. Also rasch! Ihr sollt frei sein!“
Er war während dieser Worte vom Pferd gestiegen und zu Old Wabble getreten. Jetzt zog er sein Messer. Da steckte grad vor seinen Augen Dick Hammerdull den Gewehrlauf aus dem Busch heraus und
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