48 - Waldröschen 07 - Der Kaiser von Mexiko
gekommen?“
„Ja.“
„Hatten nicht Sternau und die anderen die Richtung nach Santa Jaga eingeschlagen?“
„Allerdings.“
„Nun, so ist es leicht möglich, ja sogar sehr wahrscheinlich, daß wir hier die Lösung des Rätsels finden.“
Sie jagten weiter. Ungefähr zehn Minuten vor der Stadt trafen sie auf einen Mann, welcher langsam neben einem schweren Ochsenkarren einherschritt. Gerard grüßte und fragte:
„Wie weit ist es noch bis zur Stadt?“
„Ihr reitet keine Viertelstunde mehr“, antwortete der Mann.
„Seid Ihr dort bekannt?“
„Das will ich meinen. Ich bin dort geboren und wohne dort.“
Gerard hatte die Spur des Wagens fast schon während des ganzen Nachmittags gesehen. Er fragte daher:
„Ihr kommt aus dem Norden?“
„Ja.“
„Sind Euch heute viel Leute begegnet?“
„Kein einziger Mensch.“
„Aber überholt hat Euch ein Reiter?“
„Ein einziger.“
„Kanntet Ihr ihn vielleicht?“
„Hm“, antwortete der Mann, indem er pfiffig mit den Augen blinzelte. „Ja, vielleicht kenne ich ihn.“
„Ihr betont das Wort vielleicht. Weshalb?“
„Nun, weil der Señor jedenfalls nicht wollte, daß ich ihn erkennen sollte.“
„Wirklich? Weshalb denkt Ihr das.“
„Weil er einen Bogen schlug, um aus meiner Nähe zu kommen.“
„Ah! Was für ein Pferd ritt er?“
„Einen Fuchs.“
„Ihr erkanntet ihn also doch?“
„Ja, an seiner Haltung. So wie er auf dem Pferd saß, so sitzt nur ein einziger im Sattel.“
„Und wer ist das?“
Der Karrenführer blinzelte abermals sehr listig mit den Augen und fragte:
„Habt Ihr ein so großes Interesse, dieses zu erfahren?“
„Gar zu groß ist es allerdings nicht.“
„So. Na, Señor, ich bin ein armer Mann, und jeder Dienst ist doch seines Lohnes wert.“
„Da“, antwortete Gerard, indem er in die Tasche griff und ihm eine Silbermünze zuwarf.
„Danke. Nun sollt Ihr auch erfahren, wer es ist.“
„Aber schnell!“
„Schön. Es war kein anderer, als Pater Hilario.“
„Wer ist das?“
„Ein Arzt im Kloster della Barbara hier in der Stadt.“
„Ein Arzt? Ah!“ nickte Gerard. „Ritt er sehr weit an Euch vorüber?“
„Nicht gar sehr. Das Terrain erlaubte nicht mehr.“
„Habt Ihr an dem Fuchs nichts bemerkt, woran man ihn wieder erkennen könnte?“
„Ah, Ihr meint nicht den Mann, sondern den Fuchs! Nun, da kann ich Euch die allerbeste Auskunft geben.“
„Wirklich?“
„Ja. Ich kenne das Tier sehr genau. Der Pater muß es erst in den letzten Tagen gekauft haben.“
„Von wem?“
„Von einem Estanciero da draußen.“
„Ihr meint wohl Señor Marqueso?“
„Freilich. Der Fuchs hat eine Blässe, welche ihm über die rechte Hälfte des Maules geht.“
„Danke. Gute Nacht!“
Er ritt mit seinen Begleitern weiter, in tiefe Gedanken versunken. Ein Pater – ein Arzt – der im Kloster wohnte? Hm. Tausend Gedanken stiegen in ihm auf und nieder. Endlich wendete er sich an seine Begleiter:
„Was ich erfahren habe, ist sehr wichtig. Es bestätigt meine Ansicht, daß der Mörder hier in der Stadt wohnt. Wir werden in einer Venta absteigen und hierbleiben. Das Weitere wird sich finden.“ –
Pater Hilario befand sich in der Überzeugung, daß sein mörderischer Anschlag geglückt sei. Er ahnte nicht im geringsten, daß er einen Verfolger hinter sich habe, und stieg, von dem Ergebnis seines weiten Rittes befriedigt, vor dem Klostertor ab, als das Abenddunkel hereinbrach.
Daß er sich eines fremden Pferdes bemächtigt hatte, machte ihm keine Sorge. Es gab hundert Ausreden für ihn. Und in den Savannen Mexikos kommt es sehr häufig vor, daß einer sich des Pferdes eines anderen bedient, ohne diesen erst um Erlaubnis zu bitten.
Da er einige Tage länger geblieben war, als er vorher bestimmt hatte, so war er von seinem Neffen mit Ungeduld erwartet worden.
„Endlich!“ rief dieser, als er zu ihm in das Zimmer trat. „So sag mir doch um aller Welt willen, wo du so lange bleibst!“
„Ja“, antwortete er. „Ich konnte nicht wissen, daß ich drei Nächte um die Hacienda schleichen mußte, ehe es mir gelang.“
„Wie geht es denn?“
Er erzählte nun, was er getan hatte. Der Neffe war an Blut und Tod gewöhnt, aber er schüttelte sich doch.
„Brrr!“ sagte er. „Das ist fürchterlich!“
„Was denn?“ fragte der Alte im gleichgültigen Ton.
„Ein so vielfacher Mord!“
„Pah! Jeder Mensch muß sterben!“
„Aber auf welche Weise!“
„Unsinn! Diese Leute haben den
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