Abaddons Tor: Roman (German Edition)
erstarrte, sie hing gekreuzigt in dem Metallskelett fest. Das Summen hörte auf, doch sie konnte sich immer noch nicht bewegen. Ganz egal, wie sehr sie sich anstrengte, die Muskeln gehorchten ihr nicht.
Naomi lag keuchend und blutend an der gegenüberliegenden Wand.
»Wer sind Sie?«, krächzte die Gürtlerin.
Ich bin die Rache, dachte Melba. Ich bin dein Fleisch gewordener Tod. Doch die Stimme, die Naomi antwortete, ertönte hinter ihr.
»Anna. Ich heiße Anna. Sind Sie verletzt?«
28 Anna
Die Frau – Naomi Nagata – antwortete, indem sie eine blutige rote Kugel aushustete.
»Ich bin so dumm, natürlich sind Sie verletzt.« Anna schwebte zu ihr hinüber und hielt kurz inne, um die immer noch zuckende Melba zur anderen Seite des Raumes zu stoßen. Das Mädchen und der Mech trieben hinüber, prallten gegen eine Wand und blieben mehrere Meter entfernt hängen.
»Notfallschrank«, krächzte Naomi und deutete auf eine rote Tafel in der Wand. Anna öffnete sie und entdeckte Taschenlampen, Werkzeug und einen roten und weißen Beutel, der demjenigen nicht unähnlich war, den Tilly auf der Prince benutzt hatte. Sie nahm ihn an sich. Während Anna eine Packung Verbandmull und eine Dose Gerinnungsspray herausnahm, um die hässliche Wunde auf Naomis Schulter zu versorgen, zog die Gürtlerin mehrere Spritzen auf und verpasste sich nacheinander mit geschickten, geübten Bewegungen einige Injektionen. Jedes Mal, wenn sie ein Stück Mull um Naomis Oberkörper wickelte, hatte Anna das Gefühl, in ihrer eigenen Schulter zerrisse etwas. Beinahe hätte sie um eine Injektion für sich selbst gebeten.
Vor Jahren hatte Anna ein Seminar über die Versorgung Drogenabhängiger besucht. Der Leiter, ein Pfleger namens Andrew Smoot, hatte nachdrücklich betont, dass die Drogen den Betreffenden nicht nur Vergnügen und Schmerzen zufügten. Sie veränderten auch die Wahrnehmung, hoben Hemmungen auf und verstärkten oft die unangenehmsten Neigungen und Seiten eines Menschen in einem, wie der Leiter sagte, geradezu pathologischen Ausmaß. Ein introvertierter Mensch zog sich weiter zurück, ein aggressiver Mensch wurde gewalttätig. Ein impulsiver Mensch wurde noch aufbrausender.
Auf einer intellektuellen Ebene hatte Anna all dies verstanden. Fast drei Stunden nach Beginn ihres Raumspaziergangs ließ die Wirkung der Amphetamine nach, die Tilly ihr verabreicht hatte. Eine Klarheit, deren Abwesenheit sie nicht einmal geahnt hatte, kehrte zurück. Sie gewann einen tiefen und persönlichen Einblick in ihre eigene pathologische Seite.
Anna hatte nur wenige Jahre zwischen den Gürtlern und den Einwohnern der äußeren Planeten gelebt, doch die Zeit war lang genug gewesen, um den wichtigsten Leitsatz zu verinnerlichen: Was du nicht kennst, bringt dich um. Niemand, der auf der Erde aufwuchs, konnte dies wirklich verstehen, ganz egal, wie viel Zeit er später im Weltraum verbrachte. Kein Gürtler hätte einen Raumanzug und eine EVA-Ausrüstung angelegt und wäre durch die Schleuse gestürmt, ohne sich genau zu überlegen, wie die Umgebung auf der anderen Seite aussah. Es wäre einem Gürtler nie in den Sinn gekommen.
Noch schlimmer, sie war aus der Luftschleuse gesprungen, ohne Nono eine Nachricht zu schicken. Du bittest lieber um Verzeihung als um Erlaubnis. Dieser Satz hallte immer noch in ihr nach. Wenn sie bei diesem Unternehmen starb, würde Nono den Satz auf ihren Grabstein meißeln lassen. Eine Gelegenheit, um Verzeihung zu bitten, würde sie nicht mehr bekommen.
Das bunte Display, das immer am Rande ihres Gesichtsfelds schwebte, ganz egal, wohin sie blickte, verriet ihr, dass sie noch 83 Prozent des Luftvorrats besaß. Da sie nicht wusste, wie lange ein voller Tank ausreichte, fehlte ihr der Kontext, um die Informationen einzuordnen.
Dann versuchte sie, flach und ruhig zu atmen und nicht in Panik zu geraten. Der Pegel sank auf 82 Prozent. Wie lange hatte er vorher auf 83 Prozent gestanden? Sie wusste es nicht mehr. Ihr wurde ein wenig übel, und sie dachte darüber nach, wie unschön es wäre, sich im Raumanzug zu übergeben, was das Gefühl nur noch verstärkte.
Das Mädchen, Melba oder Claire, war weit vor ihr und entfernte sich rasch. Sie bewegte sich mit einer mühelosen Anmut, die große Übung verriet. Für sie war es offenbar normal, sich im Raumanzug mit Magnetstiefeln zu bewegen. Anna beeilte sich und trat sich dabei selbst auf den Fuß, verstärkte versehentlich die Kraft des Magneten und klebte auf der Schiffshülle
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