Alaska
Übung hatte sich Lunasaq die Kunst des Bauchredens angeeignet, bis er sie so perfekt beherrschte, dass er seine Stimme nicht nur aus großer Entfernung verlauten lassen, sondern ihr auch bestimmte charakteristische Eigenschaften verleihen konnte. Mal war er ein um Hilfe flehendes Kind, mal ein wütender Geist, der einem Übeltäter Vorhaltungen machte, aber besonders gern lieh er seine Stimme dem ungeheuren Wissen, das die Mumie in ihrer Zeit angehäuft hatte.
In ihrem ersten Gespräch, dem viele folgen sollten, unterhielten sich die drei über die russischen Tyrannen, über Seeotter, über die auf die Robbeninseln Verbannten und besonders über die Rache, die Cidaq eines Tages an ihren Unterdrückern üben würde: »Ich kann es kaum erwarten. Vier, darunter der Schlimmste von allen, sind schon auf den Robbeninseln. Die sehen wir nie wieder. Aber hier auf Kodiak sind noch drei.«
»Was hast du mit ihnen vor?« fragte die Mumie, und Cidaq antwortete: »Ich würde sogar meinen eigenen Tod riskieren, aber bestrafen werde ich sie.«
»Wie?« wollte die Uralte wissen, und Cidaq sagte: »Ich könnte ihnen zum Beispiel im Schlaf die Kehle durchschnei den«, aber die Mumie erwiderte: »Eine durchgeschnittene Kehle, und sie werden sie dir durchschneiden. Dann ist es vorbei, für immer.«
»Hast du jemals ähnlich gefühlt?« fragte Cidaq, und die Alte antwortete: »Wir alle haben damit zu kämpfen.«
»Und hast du deine Rache bekommen?«
»Ja. Ich habe sie überlebt. Ich habe an ihren Gräbern gestanden und gelacht. Aber mich gibt es immer noch. Und wo sind sie? Längst dahin. Längst dahin.«
Die Hütte war so erfüllt von dem glucksenden Lachen der Mumie, als sie sich dieser Vergeltung erinnerte, dass niemand, der es vernahm, Lunasaqs Stimme dahinter vermutet hätte, der jetzt zurück in seine eigene feste Stimme fiel: »Ich möchte dich daran erinnern, dass Cidaq nicht um ihre Rache kämpft, sondern um das Überleben ihres Volkes. Sie sucht einen Mann, sie will Kinder.«
»Seehunde haben Kinder. Wale haben Kinder. Jeder kann Kinder haben.«
»Hast du Kinder gehabt?« fragte Cidaq, und die Uralte antwortete: »Vier. Aber was macht das schon?«
Wieder unterbrach Lunasaq: »Du warst sicher aufgehoben in deinem eigenen Volk.« Aber die Mumie sagte: »Niemand ist völlig sicher. Zwei meiner Kinder starben den Hungertod.« Dann fragte der Schamane: »Wie kommt es, dass sie tot sind, aber du überlebt hast?« Und die Alte erklärte: »Alte Menschen halten solchen Erschütterungen stand. Sie sehen daran vorbei. Junge Menschen nehmen diese Dinge zu ernst. Sie lassen sich davon überwältigen.« Dann wandte sie sich schroff an den Schamanen: »Du gehst zu streng mit diesem Kind ins Gericht. Lass sie ihre Rache bekommen. Ihr beide werdet erstaunt sein, wie sie aussehen wird.«
»Ich werde meine Rache also bekommen?«
»Ja, ganz sicher. Genauso sicher, wie die Russen gleich anrücken und uns alle verprügeln werden. Aber Lunasaq, mein Gehilfe, hat schon daran gedacht, und deine große Hilfe wirst du auf einem Weg erhalten, den du nicht erraten wirst. Drei Wege, aus unterschiedlichen Richtungen. Jetzt aber versteckt mich.«
Kaum war die Mumie an einem sicheren Ort verwahrt, als zwei leibeigene Händler in die Hütte einbrachen und dem Schamanen so brutal zu Leibe rückten, dass Cidaq schon Angst hatte, er würde zu Tode kommen. Aber sofort liefen fünf Aleuten, mit schweren Keulen bewaffnet, herbei, drangen ebenfalls in die Hütte, schlugen in dem beengten Raum auf die Angreifer ein und gingen dabei so sorgfältig zu Werk, dass der brutalere der beiden Russen aus der Hütte taumelte, den Schädel zertrümmert, und dort tot umfiel, während der andere schreiend davonlief, verfolgt von zwei Aleuten, die weiter auf ihn eindroschen.
Die drei anderen Aleuten ließen die Leiche auf wundersame Weise in einer Wasserrinne verschwinden. Der Händler, der die Schlägerei überlebt hatte, versuchte »ein paar Aleuten, die mit Knüppeln auf mich losgegangen sind«, zu beschuldigen, aber er und der Tote genossen bei der Handelsgesellschaft einen so schlechten Ruf, dass sie nicht unglücklich war, letzteren von der Liste streichen zu können, und wenige Tage später wurde der andere zu lebenslangem Frondienst auf die Robbeninseln geschickt. Nachdem sie dem Abtransport mit grimmiger Zufriedenheit zugesehen hatte, kehrte Cidaq zur Hütte des Schamanen zurück, musste aber erstaunt feststellen, dass die Mumie diesem Zwischenfall keine
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