Am Ende des Schweigens - Link, C: Am Ende des Schweigens
der vier, bald vielleicht sogar fünf Menschenleben auf dem Gewissen hat, auf freien Fuß zu setzen?« blaffte Leon.
»Leon!« mahnte Jessica.
Sie wich Phillips Blick aus. Sie mochte Leon nicht das Gefühl geben, daß zwischen ihr und ihm eine gewisse Vertrautheit herrschte.
»Mr. Roth, es haben sich wirklich völlig neue Gesichtspunkte ergeben«, sagte Norman. Weder seine Stimme noch sein Gesichtsausdruck verrieten, ob er durch den Umstand, einen Scotland-Yard-Beamten vor die Nase gesetzt bekommen zu haben, gekränkt war. »Es gibt keine Hinweise, die für Mr. Bowen als Schuldigen sprechen.«
»Das kann doch nicht wahr sein!« schrie Leon. »Der Typ hat meine Frau mehrfach bedroht! Er ist in unser Haus eingedrungen! Er lungerte ständig vor dem Park oder im Park herum! Er ist komplett verrückt, durchgeknallt, größenwahnsinnig! Er ist …«
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ziehen Miss Roselaugh und ich uns schon einmal in unser Zimmer zurück«, sagte Phillip höflich zu Norman. »Alles Weitere kann ja auch in unserer Abwesenheit geklärt werden.«
»Ja, gehen Sie nur«, meinte Norman, erleichtert, daß sich die Situation ein wenig entzerrte. Jessica, die noch auf der Treppe stand, trat zur Seite, um Phillip und Geraldine vorbeizulassen.
Noch immer vermied sie es, Phillips Augen zu begegnen. Verstohlen betrachtete sie die blasse Geraldine, die alles andere als glücklich dreinsah.
Was für eine wunderschöne Frau, dachte sie.
»Ich würde jetzt gern mit Mrs. Burkhard sprechen«, sagte Inspector Lewis.
Jessica war erstaunt. Mit Evelin?
»Sie ist in ihrem Zimmer«, sagte sie, »sie schläft noch, glaube ich, aber …«
»Dann wecken Sie sie bitte«, bat Lewis. Er war kühler und knapper als Norman, sein Gesicht verriet keinerlei Emotion. Ein Mann, der persönliche Regungen aus seiner Arbeit heraushielt.
»Soll sie herunterkommen? Oder wollen Sie in ihrem Zimmer …?«
»Das kann sie entscheiden«, sagte Lewis. »Es wäre sehr freundlich, wenn Sie dies für uns klären und uns dann gleich benachrichtigen würden.«
»Ich möchte jetzt aber schon wissen …«, begann Leon wieder, doch Lewis herrschte ihn an: »Was Sie möchten, Mr. Roth, interessiert im Moment niemanden. Bitte lassen Sie uns jetzt allein, und halten Sie sich für später zu unserer Verfügung.«
Der Ton schien Leon zu überzeugen, denn er hielt endlich den Mund. Jessica hastete die Treppe hinauf, um Evelin zu wecken. Sie fühlte sich beunruhigt. Irgend etwas an beiden Männern hatte sie stutzig gemacht: Ihr Auftreten war so selbstsicher, fast ein wenig triumphierend. Dieser Inspector Lewis mochte immer so sein, aber Normans Haltung hatte sich deutlich verändert.
Die wissen etwas, dachte sie, oder sie nehmen etwas an … Etwas, wovon man uns noch nichts gesagt hat. Etwas Neues …
Sie fror plötzlich. Sie trat in Evelins Zimmer. Die Freundin war inzwischen wach, lag jedoch im Bett. Sie hatte sich ein Nachthemd angezogen, trug aber immer noch den Schal um den Hals und sah dadurch wie eine Kranke aus, die erkältet ist und unter Halsschmerzen leidet.
»Evelin, es tut mir leid, aber Superintendent Norman möchte dich noch einmal sprechen. Und ein … ein anderer Inspector.« Sie erwähnte Scotland Yard noch nicht. Ihr eigenes ungutes Gefühl war bedrückend genug, sie mußte es nicht auch noch in Evelin auslösen.
Evelin richtete sich auf.
»Ich komme«, sagte sie.
Eine Stunde später wurde sie unter Mordverdacht verhaftet.
9
»Es ist einfach so«, erklärte Superintendent Norman, »daß wir gegen Mr. Bowen nichts in der Hand haben. Hingegen sprechen eine ganze Reihe von Indizien gegen Evelin Burkhard.«
Sie saßen in Jessicas Zimmer: Norman, Leon und Jessica. Letztere noch völlig benommen von der überraschenden Wendung der Geschehnisse. Inspector Lewis war mit Evelin nach Leeds gefahren, um sie dort auf der Polizeidienststelle zu vernehmen, und da er ihr geraten hatte, »das Nötigste« einzupacken, schien er nicht mit ihrer Rückkehr am selben Abend zu rechnen. Sein bis dahin undurchdringliches Gesicht hatte Entschlossenheit verraten.
Evelin war leichenblaß gewesen, als sie hinter ihm die Treppe hinunterging.
»Jessica, ich habe das nicht getan«, hatte sie gefleht, als sie an Jessica vorbeigekommen war. »Bitte, du mußt mir das glauben!«
»Natürlich«, sagte Jessica, »und die Polizei wird auch ganz schnell davon überzeugt sein!«
Tatsächlich hielt sie das Ganze für einen so gigantischen Irrtum, daß sie sich
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