Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
unternommen, doch er steht fast vollständig leer: Seit der Krise im Jahr 2008 will sich kein Käufer daran die Finger verbrennen.
Die Züge bestimmen den Rhythmus all dieser Städtchen. Vor ihnen gibt es kein Entrinnen. Sie fahren langsam durch Gärten und zwischen den Häusern hindurch, meilenlange Schlangen aus Steinkohlemulden und Containerwaggons, vorwärtsgezogen von vier, fünf Lokomotiven, die bei jedem Bahnübergang lang anhaltend heulen und hupen und die schließlich mit ein paar jaulenden Pfeiftönen in der Ferne verschwinden. Ihr Kommen und Gehen dringt bis ins hinterste Schlafzimmer des Murray Hotels, jede Stunde, Tag und Nacht. Man lernt, damit zu leben und zu schlafen.
Jeder ist in diesen Tagen mit Halloween beschäftigt, dem großen amerikanischen Geisterfest, dem rituellen Übergang zu Dunkelheit, Kälte und Tod. Es ist auch die Beschwörung all dessen. Der Bozeman Daily Chronicle bringt eine ganze Seite über Geisterhäuser und darüber, wie man selbst Gespenster aufspüren kann. »Gespenstische Musik von vor langer Zeit oder der vage Duft eines alten Parfüms können bedeuten, dass ein Geist anwesend ist.« Auch unser Murray Hotel wirft sich mächtig ins Zeug: Vor den Fenstern hängen verstaubte Lappen und Spinnengewebe, auf dem Sofa macht das Skelett einer Dame in einem schwarzen Kostüm des 19. Jahrhunderts einladende Gesten, an der Treppe spricht ein anderer Toter die Vorbeikommenden aufmunternd an, unter dem Klavier ragen die Beine einer dritten Leiche hervor, Ratten liegen überall verstreut, und wenn man nach oben geht, sieht man sich selbst die Treppe hinaufkommen, allerdings als durchsichtiger Geist.
Es war Schnee vorhergesagt, und doch scheint die Sonne am nächsten Morgen warm und fröhlich.
Weiter also, auf der endlosen Interstate 90. Steinbeck gab wieder ordentlich Gas, er muss hier vor einem halben Jahrhundert wie ein halb Wahnsinniger durchgerast sein; so groß war sein Liebe zu Montana offenbar auch wieder nicht.
Michael Savage, ein beliebter talk radio host , spricht zu uns: »Ich habe den Faschismus studiert, und ich habe den Totalitarismus studiert, und ich weiß, wo das alles enden wird mit dieser Obama-Regierung. Es ist exakt dasselbe. Vergessen Sie nicht, auch Hitler ist durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen.«
Ich höre in seinem Reden die verbissene Stimme von Ayn Rand heraus, einer russischen Emigrantin und Autorin des futuristischen Romans Atlas shrugged (1957), einer Art amerikanischem Gegenstück zu George Orwells 1984 . Sie beschreibt ein Amerika, das von Sozialisten regiert wird, eine Gesellschaft, aus der jede Produktivität, Kreativität und Intelligenz verbannt wurde. In Rands Weltbild gibt es zwei Gruppen von Menschen: Kreative, die Atlasse, und Parasiten. Der Sozialismus zwingt, wie alle kollektiven Versorgungseinrichtungen, die Kreativen dazu, die Früchte ihres Unternehmergeistes mit den weniger begabten und hart arbeitenden Menschen zu teilen. Das ist nach Ansicht der Autorin ein großes Unrecht, sie findet es moralisch verwerflich, Menschen dazu zu verpflichten, anderen von ihrem Hab und Gut etwas abzugeben.
Zu ihren Lebzeiten fanden sogar gestandene Konservative, dass ihre Ansichten zu weit gingen, und ihre Thesen wurden in der Öffentlichkeit nur am Rande diskutiert. Heute steht sie hoch im Kurs, bei Zusammenkünften der Tea-Party-Bewegung ist ihre Geschichte der Refrain einer jeden Rede, und sie wird wie auf Händen getragen.
Savage ist ihr derzeitiger Prophet. Er hat eine angenehme, warme Stimme, spricht wunderbar fließende Sätze und ist ein hervorragender Prediger. Gerade stellt er fest, dass Obama in einer Rede das Wort »Unabhängigkeitserklärung« mit leichter Verzögerung ausgesprochen hat.
Der O-Ton wird gespielt. »Hören Sie es? Das ist bezeichnend für die Liberalen, aber nur ganz selten geben sie es zu. Sie glauben nämlich nicht an unsere Unabhängigkeitserklärung …«
Steinbeck kaufte in Butte eine Remington .222 mit einem Zielfernrohr. Er musste warten, bis alles montiert war, und lernte während dieser Zeit den ganzen Laden kennen, inklusive aller Kunden, die hereinkamen. Er verbrachte dort, wie er notierte, einen großen Teil des Vormittags, hauptsächlich weil er es so wollte. »Aber ich sehe, Liebe lässt sich, wie gewöhnlich, nicht beschreiben. Montana hat mich verzaubert.«
Dies ist eine vollkommen andere Geschichte als die von John Gunther, der Butte – »diesen reichsten Hügel auf Erden« – rund zwanzig
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