Amerikanische Reise
Ariel. Sie sieht Jan kurz in die Augen und schlendert dann zurück.
Kurz darauf bedeckt wieder Wald die Hänge. Hier und da wachsen graue Felsnasen zwischen den Bäumen empor – von irgendeiner
Eiszeit dort abgestellte und vergessene Hinkelsteine. Nach einer Kurve liegt die Sonne über der aufwärts führenden Straße
wie ein Ball am Ende eines |223| Sprungbrettes. Sie erreichen einen Parkplatz und stehen zehn Minuten später vor den Präsidentenköpfen. Jan läßt sie eine Weile
auf sich wirken, aber es geht ihm mit dem Monument nicht anders als mit weniger pompösen bildhauerischen Werken, die in Museen
Platz haben: Die kalten, starren Körper berühren ihn nicht. Nacktheit muß warm sein.
Jan wendet sich wieder Hank zu, mit dem er nach einem Filmtitel gesucht hat. Er erzählt kurz den Plot: Ein Staatsanwalt, der
mit einer unglücklichen Mathematikerin verheiratet ist, ermittelt in einem brutalen Frauenmord. Im Laufe der Untersuchung
häufen sich die Beweise, daß er selbst die Frau, eine Kollegin und ehemalige Geliebte, umgebracht haben könnte. In der Hauptrolle
Harrison Ford.
Hank hat den Film gesehen, aber ihm fällt der Titel nicht ein. Er schlendert zurück ins
visitors center.
Jan folgt ihm.
»Was hältst du davon«, fragt Hank, »wenn wir zwei
cottages
mieten?« Er kennt ein in der Nähe gelegenes Areal mit Holzbungalows und schlägt vor, dort zu übernachten.
Jan nickt. »Wenn Kristin nichts dagegen hat.«
»Ich habe sie vorhin gefragt«, sagt Hank. »Ihr gefällt die Idee.«
»Ach ja?« sagt Jan etwas verwundert.
An den Souvenirständen herrscht nur wenig Betrieb. Crazy Horse wartet ebenso auf Käufer wie Abraham Lincoln. Jan wirft einen
kurzen Blick auf die Postkarten, dann gehen sie zurück zum Parkplatz und warten auf Ariel und Kristin.
»Presumed Innocent« ,
sagt Hank unvermittelt.
»Wie?«
»Der Film mit Harrison Ford«, erklärt Hank. »Seine Geliebte, mit der er es auf seinem Schreibtisch hatte und |224| die ihn hinterher fallenläßt, war Greta Scacchi. So eine Blonde, bei der keiner Nein sagen würde.«
Kristin hat ihre Sonnenbrille aufgesetzt und winkt, als sie mit Ariel den Parkplatz betritt. Ein leichter Wind hat sich in
ihren Haaren verfangen. Der vergangene Abend geht Jan durch den Kopf. Nein sagen, denkt er, ist leicht. Nein ist die Pflicht,
die Kür ist Ja.
Man hat Freud vorgeworfen, den Sexualtrieb zur Grundlage seiner Psychoanalyse zu machen, weise seine Theorie als typische
Geburt einer Wohlstandsgesellschaft aus. In einer nicht saturierten Gesellschaft sei der Sexualtrieb unbedeutend, solange
nicht der Hunger gestillt ist. Etwas zu essen zu haben sei das Grundbedürfnis der Menschen, und alle anderen Bedürfnisse seien
dem nachgeordnet. Das Argument ist sicher richtig, und vielleicht ist Freud in den USA deswegen so populär geworden, weil
die USA lange Zeit der wohlständigste unter den Wohlstandsstaaten waren. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß in dem Moment,
in dem der Hunger gestillt ist, die anderen Triebe sofort das Kommando übernehmen, und wenn, was ja keinesfalls sicher – vielleicht
sogar eher unwahrscheinlich – ist, es der Menschheit gelingen sollte, überall auf der Welt eine solide Nahrungsmittelversorgung
zu etablieren, dann muß man wohl annehmen, daß man sich auch überall mit der gleichen Ausdauer wie in den Wohlstandsstaaten
so bedeutenden Fragen zuwendet wie: wer, wann, mit wem und wie oft?
Zumindest ist es nach den Erfahrungen in den Industrienationen nur schwer vorstellbar, daß sich Sexualität auf Dauer durch
Moralvorstellungen oder Religionen regulieren läßt, und es ist zu erwarten, daß es ihr als Trieb nicht anders ergeht als dem
Hunger: Der Appetit kommt |225| beim Essen, oder anders gesagt: Wenn der erste Hunger gestillt ist, ist man nicht mehr mit Brot zufrieden, sondern hält nach
feineren Speisen Ausschau. Ob mystische Vereinigung oder Leder- und Lackfantasien – letztlich entstammen sie alle dem Wunsch,
den ordinären Beischlaf möglichst weit von seinem eigentlichen biologischen Zweck zu entfernen, wie auch das Schlürfen von
Austern mit dem Stillen des Hungers nicht mehr gemein hat als ein String mit der Absicht, den Unterleib zu wärmen.
Es ist merkwürdig, daß man in der Verfeinerung der Tischmanieren gemeinhin eine Kulturleistung sieht, während man die Verfeinerung
der Sexualpraktiken als anrüchig oder, je nachdem, als pervers betrachtet. Das könnte zumindest ein
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