Amnion 3: Ein dunkler, hungriger Gott erwacht
Taverner neue Befehle zu erteilen, wüßten wir nicht, wann oder wie er sie ausführt, oder ob er sich überhaupt darum schert.«
»Sie haben mir nicht zugehört.« Wardens Rüge fiel barscher aus, als er es beabsichtigt hatte. Manchmal übte Min Donner diese seltsame Wirkung auf ihn aus; oder vielmehr hatte seine ihr entgegengebrachte Falschheit auf ihn diesen Effekt. »Ich habe nicht vorgeschlagen, Thermopyles Programmierung zu ändern. Ob es eine geniale Idee war, ihn in diesen Einsatz zu schicken, der für ihn auf Selbstmord hinausläuft, ist jetzt einerlei, weil wir darauf keinen Einfluß mehr nehmen können. Ich mache mir keine Sorgen um ihn, sondern um uns. Wenn es uns nicht gelingt, der Operation hier den nötigen Rückhalt zu geben, hätten wir ihn erst gar nicht loszuschicken brauchen. Ach was, die Lage ist sogar noch viel ernster. Wenn wir ihm hier nicht die gebotene Rückendeckung gewähren, hätten wir ihn im Gefängnis der KombiMontan-Station schwarz werden lassen sollen. Gerät er in gegnerische Hände, erlangt die Gegenseite das gesamte Wissen und sämtliche Erfahrungen, die bei seiner Vorbereitung Anwendung gefunden haben, und zudem alle Informationen, die er über uns hat. Ich will mich deshalb jetzt mit Ihren Einwänden und Bedenken befassen, weil ich vermeiden möchte, daß sie uns später Probleme bereiten.«
»Dann kann ich mir jede Stellungnahme sparen.« Der DA-Direktor hustete wie jemand, der sein Leben lang die stickige Schmutzatmosphäre der Erde statt künstlich optimierter Stationsluft geatmet hatte. »Zum Großteil ist die Operation von mir geplant worden. Alles übrige findet mein Einverständnis. Und ich bezweifle nicht, daß sie Erfolg haben wird. Aber ich vermute, daß meine Kollegen« – durch die Brillengläser vermittelten seine Augen den Eindruck der Erheiterung – »in dieser Hinsicht anders denken.«
Warden schaute erst Min Donner an, dann Godsen Frik. »Inwiefern?«
Grimmig heftete Min Donner den Blick auf Frik.
Sobald er endgültig merkte, daß Donner keine Neigung hatte, als erste zu antworten, hob er den Kopf. »Tja, ich habe von Anfang an klargestellt«, sagte er, indem er seine Unsicherheit mit Forschheit kaschierte, »daß ich es für eine schreckliche Fehlentscheidung halte, dafür Taverner heranzuziehen. Der Mann hat die Moral eines Wetterhahns. Auch Kollege Lebwohl wird ohne weiteres gestehen müssen, daß wir keine Mühe dabei hatten, ihn einzuspannen, und das bedeutet, anderen Kreisen wird es ebensowenig schwerfallen. Aber ich glaube, daß die Situation noch erheblich übler ist. Ich habe seine Akte gelesen« – anscheinend sah Godsen Frik darin eine Maßnahme größter Sorgfalt –, »und ich kann nur sagen, es ist gar keine leicht beantwortbare Frage, ob wir an ihn herangetreten sind oder er sich uns aufgedrängt hat. Er ist viel zu aalglatt gewesen, als daß sich das noch klären ließe, aber ich bin der Ansicht, die Idee, den Sicherheitsdienst der KombiMontan-Station aufs Glatteis zu führen, geht wenigstens so sehr auf ihn wie auf uns zurück.«
»Und was beweist das?« fragte Min Donner halblaut.
»Deshalb halte ich es aus zwei Gründen für fürchterlich verfehlt, daß die Wahl auf Taverner gefallen ist«, erläuterte Frik in unheilsschwangerem Ton. »Erstens läßt er uns im Stich, sobald jemand – irgendwer – ihm genug Geld bietet.« Der Klang der eigenen Stimme schien ihm erhöhtes Selbstvertrauen zu verleihen. »Und zweitens, sollten die breiten Volksmassen, denen zu dienen und die zu beschützen unser aller Schwur lautet, jemals auch bloß andeutungsweise erfahren, daß ein so leistungsstarker Cyborg wie Josua von uns unter keiner besseren Aufsicht als der Obhut eines notorischen Verräters losgeschickt worden ist, wird sich schneller herausstellen, daß wir mit der Aktion gründlich Scheiße gebaut haben, als wir ›Autsch‹ sagen können. Dann kann vielleicht nicht mal noch der Drache im Konzil genügend Stimmen zusammenkratzen, um zu verhindern, daß man der DA die Luft abdreht.«
»Was soll das heißen?« fragte Warden ruhig.
»Das soll heißen« – jetzt war Godsen Frik in voller Fahrt – »das mächtige, stets zu respektierende EKRK könnte Kollege Lebwohls kleines Kasperltheater zumachen. Möglicherweise würde per Abstimmung entschieden, daß Aufgaben, wie sie gegenwärtig die Abteilung DA versieht, eine zu dramatische Tragweite haben, um sie gewöhnlichen Polizisten zu überlassen. Unter Umständen dächte man sogar an eine
Weitere Kostenlose Bücher