Arbeit und Struktur - Der Blog
lege ich verschiedene Gegenstände in einer Reihe auf den Fußboden, um sie beim Erwachen zu finden; so wie früher an meinen Geburtstagen, wenn meine Eltern über Nacht die Geschenke ins Zimmer gestellt hatten.
Jetzt liegen da: Ein Blatt Papier, ein Brötchenteller, ein kaputter Kugelschreiber, der Fänger im Roggen. Den Kugelschreiber kann ich mit Hammer und Zange reparieren, worauf ich mich schon seit gestern abend freue. Das Papier ist eine Erinnerung an meine Arbeit, auf die ich mich freue, der Teller eine Erinnerung daran, zum Frühstück Brötchen zu kaufen, was ich, seit in in Berlin wohne, noch nie getan habe, usw.
Während ich mit der Brötchentüte an der Ampel stehe, sehe ich neben mir einen unter seinem Schulranzen begrabenen Erstklässler und schaue in den Himmel, damit er mich nicht weinen sieht. Er weiß nicht, daß er sterben wird, er weiß es nicht, er weiß es nicht, er weiß es nicht.
Bereits während der Jana-Krise habe ich begonnen, eine Reihe von Gedanken aufzuschreiben, die ich meinen Freunden in Form einer großen Rede mitteilen will, welche mein zunehmend absonderliches Verhalten erklären und deren zentrale Botschaft sein soll: daß es mir gut geht. Daß bei mir alles im grünen Bereich ist. Und daß man mir gegenüber im Gespräch zwei Dinge aussparen muß: übertriebene Empathie und medizinische Informationen, die von den Informationen, die ich bisher habe und mit denen ich umgehen kann, abweichen, egal in welche Richtung.
Kurz darauf reiße ich alle mit der Rubrik “Die große Rede” überschriebenen Seiten aus dem Notizbuch heraus, weil etwas in meinem Innern mir sagt, daß es sich um schreckliche Banalitäten handelt.
Nach vierzig Stunden ohne Schlaf beginnt mein Körper, wacklig zu werden. Die Gedankenmaschine im Innern läuft unvermindert hochtourig; das Serotonin sitzt wie festgetackert in den Rezeptoren. Cornelius, mit dem ich immer wieder telefoniere und der mich ins Bett schicken will, während ich ihm erkläre, daß mir nichts fehlt, verlangt von mir für den nächsten Morgen eine Rückmeldung, ob mein Zustand stabil sei.
Mit der schwersten, bleiernsten Müdigkeit meines Lebens sacke ich ins Bett und erwache am Morgen des 5. März um 5:40. Ich habe exakt eine Stunde und vierzig Minuten geschlafen, und ich checke als erstes meine Körperfunktionen: Hier drinnen alles stabil? Oder eher nicht? Antwort Hirn: “Da tankt aber jemand Super.”
Mail an Cornelius: “Stabil Hilfsausdruck.”
Und es geht weiter als Rakete. Überraschung auf der Badezimmerwaage: Ich wiege fünfundsiebzig, fünf Kilo unter normal und genauso viel, wie ich wog, als ich abgemagert aus der Klinik kam. Seitdem habe ich Unmengen gegessen, Süßigkeiten ohne Ende, in der Mensa mittags zwei Gerichte, abends noch mal warm. Warum nehme ich nicht zu? Der Körper braucht Nahrung, überlege ich, um zu funktionieren, das Hirn braucht Schlaf. Wenn meine Beine zittern, liegt es nicht an drei Tagen ohne Schlaf, sondern daran, daß ich zuviel Energie verbrenne; ich muß also nur mehr zuführen. Im Supermarkt kaufe ich zwanzig Tafeln Schokolade und Unmengen anderes Zeug, und das Zittern hört auf.
Jetzt, wo ich den Gedanken an Krebs und Tod unter Kontrolle habe, bekomme ich auf einmal Angst, etwas anderes könne mir zustoßen. Vor meinem Haus steht ein Baugerüst, und bevor ich darunter hindurchgehen kann, muß ich immer lang und umständlich nach oben schauen, ob nicht gerade ein Ziegelstein auf mich herunterfällt. Straßenverkehr noch komplizierter: Ich warte an der Kreuzung, meine rechte Hand macht neurologische Experimente zur Funktionsprüfung, vorsichtig hebt sich ein Fuß und wird noch vorsichtiger auf den Asphalt gesetzt, als wäre die Straße zerbrechlich, und nach vielfacher, abermaliger Vergewisserung, daß weit und breit kein Auto kommt, kann ich endlich langsam gehen. Wie ich dabei für Passanten aussehe, ist mir egal.
Ich bin so begeistert von den Vorgängen in meinem Innern und dem vollkommenen Glück, in dem ich dahinschwimme, daß mich weiter nichts kümmert. Ich könnte jetzt auf dem Alexanderplatz die Hosen runterlassen. Weder als Provokation, noch um etwas zu beweisen, einfach so. Freuds Satz, die Abwesenheit von Scham sei das sicherste Zeichen von Schwachsinn, fällt mir ein; gleichzeitig ist es ungeheuer befreiend. Ich habe einen ganz neuen Zugang zum Sozialen, ich kann auf einmal Leute ansprechen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich genau so nett und freundlich, wie ich mich
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