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Auf der Flucht

Auf der Flucht

Titel: Auf der Flucht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hellmuth Karasek
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ihnen vertraut. »Die wollen doch immer nur das eine«, dachten wir manchmal, und dann nannten wir sie, zumindest in Gedanken, mit wegwerfendem Neid und verachtungsvoller Bewunderung »Weiber«. Der Singular »Weib« war aus der Mode, existierte aber noch als Fin-de-Siecle-Traum, die »Psychologie des Weibes« hieß. Deren Erklärungsmodell, dieses »Weib« räkelte sich wollüstig auf einer ägyptischen Chaiselongue, stammte aus der ägyptologischen Ableitung des Jugendstils und war von viel Gold, viel Ornamenten, viel Hieroglyphen umrahmt.
    Wir unterschieden zwischen der weißen Muttergestalt, der gütigen Krankenschwester, die sich zu uns herabbeugt und die kühlende Hand auf unsere glühende Stirne legt, und der unersättlichen Hure, deren feuchter Schoß uns verschlingt wie ein Höllenschlund. »Frauen brauchen das nicht, sie sind anders«, seufzten wir und stilisierten Mädchen zu Madonnen. »Frauen können immer, die sind unersättlich, nicht zu stillen«, phantasierten wir auf der anderen Seite. Das Banale konnten und wollten wir uns nicht vorstellen – Frauen taugten nicht für das Mittelmaß, zu dem wir gehörten. Erst bei der Lektüre von Wedekinds »Lulu«, die die »Büchse der Pandora« öffnet, bin ich diesen unseren jugendlichen Phantasien wieder begegnet.
    Hätte ich, beim gemeinsamen Essen mit einem dieser schönen, zarten, unendlich begehrenswerten Geschöpfe, je daran gedacht, während sie ins blutige Rindersteak schnitten, dass sie es waren, die uns zu Jägern und Schlächtern machten, nur um sie zu ernähren? Oder hätte ich mir vorgestellt, dass die Schöne, von mir Geliebte, die mir gegenübersitzt, mit der Gabel ihr Essen in zierlichen Happen in den rosigen Mund und Schlund schiebt, dieses Essen genauso verdauen und in der peristalischen Bewegung verarbeiten wird wie ich, nämlich zu Scheiße? Nie, nie und nimmer!
    Milan Kundera hat in seinem Meisterwerk aus Leichtigkeit und Tiefsinn, Zartheit und Zynismus, dem Roman über die Tschechen nach dem Prager Frühling »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«, einen sehr gescheiten Essay über die Scheiße eingefügt, dessen These darin gipfelt, dass Kitsch immer das Verdrängen, das Verschweigen, das Ausblenden des Teils unserer Natur ist, die unentwegt Exkremente produziert. Kundera hat den politischen Kitsch im Auge, der alles Hässliche, Niedrige, Schmutzige zugunsten des Heilen ausblendet. Man kann das aber auch ohne weiteres auf die Liebe beziehen, auf die Sexualität und die Erotik. Auch sie braucht den Kitsch, der alles Niedrige, Übelriechende, Verdaute, Ausgeschiedene tabuisiert, ins Dunkle wegdrängt.
    Nun waren die fünfziger Jahre eine Zeit, die versuchte, alles Schmutzige zu verdrängen – bösartig könnte man sagen: Der Schmutz wurde unter den Teppich gekehrt, gutwillig: Der Siegeszug der Hygiene nahm seinen Anfang.
     
    Meine Begegnung mit Ann, einer amerikanischen Studentin aus einem katholischen College, die Mitte der fünfziger Jahre nach Tübingen kam, hat auf kuriose Art mit diesem Thema zu tun. Sie war Fulbright-Stipendiatin, ich hatte sie als Tutor in einem Vorbereitungskurs in Bad Godesberg betreut. In Tübingen wohnte sie in einer Villa bei einer Professorenfamilie, deren Sohn zum Austausch bei Anns Familie in Ohio lebte und dort studierte. Ann war kein schönes, aber ein hübsches, lebenslustiges Mädchen, platinblond gefärbte Haare, hinten so locker zusammengebunden, dass ihr einzelne Strähnen ins Gesicht hingen und ihr etwas Draufgängerisches gaben. Sie hatte mich, nach einem Abend mit der Gruppe ihrer amerikanischen Freunde, verschwörerisch für den Sonntag zum Tee in die Villa eingeladen, sie sei an diesem Wochenende allein. Ich begegnete damals erstmals der outrierten Fröhlichkeit von amerikanischen Mädchen. Dass sie ständig flirtete, war ihr zur zweiten Natur geworden.
    Nach Ihrer geraunten Einladung kam ich entsprechend aufgeregt bei ihr an, klingelte, sie ließ mich ein, lächelte verführerisch, wie sie es im Kino gelernt hatte, führte mich in ihr Zimmer, der Tee war schon vorbereitet, da meldete sich meine aufgeregte Blase. »Wo kann ich …«, stotterte ich, »Hände waschen?« Ann wies mir den Weg zum Bad. Es war ein freundliches helles Bad an einem hellen freundlichen Nachmittag. Ich pinkelte, im Stehen, etwas anderes war noch nicht gefordert, damals, auch nicht von einer jungen Amerikanerin, dann spülte ich. Zu meinem Entsetzen war die Toilette verstopft, ich spülte noch einmal. Doch statt

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