Auf ewig und einen Tag - Roman
sah sie an, unsicher, was ich sagen sollte. »Ich bin nicht darauf aus, deinen Platz einzunehmen.«
»Wenn du bleibst, nachdem ich tot bin«, sagte sie, »wenn du hier bist, wenn sie fünfzehn ist, kennt sie dich mit dreißig mehr Jahre, als sie mich gekannt hat. Glaubst du nicht, dass sie vergessen wird, dass sie mir jemals irgendwas erzählt hat? Oder schlimmer noch, in ihrem Kopf vermischt sich alles. Wenn sie versucht, sich an mich zu erinnern, denkt sie an dich.«
Ich beobachtete Eve, unschlüssig, was die richtige Erwiderung war, wenn es überhaupt eine richtige gab.
»Das stimmt nicht. Wir lassen nicht zu, dass sie dich vergisst.«
»Aber es ist mehr als das. Mehr als Vergessen. Sie wird sich erinnern, dass sie eine Mutter hatte, aber in ihrem Innern wird sie mich ersetzen.« Eves Stimme brach ab, und sie schluckte schnell. »Ich hasste Mom, weil sie uns verlassen hat, und Daddy hasste ich auch. Alles, was ich je für sie empfand, ist von diesem Hass verschlungen worden.«
»Das ist etwas anderes«, sagte ich.
»Wenn du bleibst, nachdem ich tot bin …« Sie schloss die Augen. »Wenn du bleibst, werden sie schließlich denken, mein Tod sei etwas Gutes gewesen. Vielleicht vermissen sie mich eine Weile, aber sie werden sich erinnern, wie ich am Ende war, und dann werden sie dich ansehen.« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Titten und alles, der Anblick der Frau, die ich hätte sein sollen, und sie werden denken, dass es gut war. Also musst du mir etwas versprechen.«
»Eve …« Meine Stimme klang wie etwas, das über Kies schrammt.
»Versprich mir, dass du weggehst«, flüsterte sie heiser. »Du bleibst nicht bei ihm, ja?«
Ich sah über den Hügel hinaus, über meine Insel, und meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. »Ich verspreche es«, sagte ich. »Ich werde nicht bleiben, versprochen.«
Februar 1994
15
Im Winter lässt der Wind auf der Insel nie nach. Es ist ein nasser, beißender Wind, der sich durch die Kleider frisst und die Augäpfel mit hauchdünnem Eis überzieht. »Die Graumacher-Böen«, nannte Daddy sie immer, wegen der Kristalle, die der Wind in seinen Bart und seine Augenbrauen trieb, oder vielleicht weil im Winter alles - der Himmel, das Gras, der Ozean, selbst die Leute - aussah, als wäre es zu oft in Chlorbleiche gewaschen worden.
Ich saß am Strand, beobachtete das graue Wasser und den wie Staubflocken tanzenden Schnee, den die schmutzigen Wolken vor sich her trieben. Eve war wieder unterwegs. Drei Mal war sie diese Woche schon bis nach Mitternacht aus gewesen. Wenn sie zurückkam, konnte sie gewöhnlich kaum mehr gerade stehen, und in ihren Augen blitzte etwas Gefährliches und viel zu Erwachsenes. Doch ich wusste, dass sie Brad Carrera bald satthätte, oder er sie, und das Leben würde wieder in normalen Bahnen verlaufen. Aber ich wusste auch, dass dies alles mit Justin und mir zu tun haben musste, also fühlte ich mich schuldig, war gleichzeitig wütend über die Schuldgefühle und fühlte mich dann schuldig wegen meiner Wut, alles türmte sich übereinander auf.
Ich zog den Schal höher über die Nase und erinnerte mich an einen anderen Strand. In Delaware? Es war eine der wenigen Erinnerungen, die ich an meine Mutter hatte. Sie saß in einem Liegestuhl,
die Füße im Wasser, und ihr dunkles Haar fiel über ihren Rücken hinab.
Eve und ich sammelten Muscheln und glatte Steine in einer Papiertüte. Wir liefen barfuß am Strand entlang und wichen den kalten Septemberwellen aus, während Daddy auf seinem Handtuch lag, einen Arm über die Augen gelegt. Als die Sonne unterzugehen begann, rannten wir zurück, um stolz eine geschlossene Muschel zu zeigen, die vielleicht noch lebte, auch wenn dies sehr unwahrscheinlich war. Daddy schnarchte inzwischen, sein tiefes Grunzen ließ seinen Bauch erbeben. Eve stieß mich mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Ich hab eine Idee.«
Leise, unser Kichern unterdrückend, legten wir unsere Steine im Kreis um ihn aus. Eve grinste mich an und robbte sich heran, um Daddy eine Muschel auf den Kopf zu setzen, dann kroch sie mit einem Freudenschrei zu mir zurück. Wir hielten uns fest und krümmten uns vor Lachen, ganz beseligt von der Leichtigkeit des Sommers, von unserem Lachen und voneinander. In diesem Moment war ich mir sicher, wir würden immer so zusammen sein, wir vier. Es fühlte sich an, als würden wir nie älter werden, als würde sich nichts je ändern.
»Mama, schau!«, rief ich kreischend vor Freude, als ich zu ihr
Weitere Kostenlose Bücher