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Auf ewig und einen Tag - Roman

Titel: Auf ewig und einen Tag - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Joy Arnold Angelika Felenda
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hinrannte und die Arme um ihren Hals schlang.
    Meine Mutter brauchte lange, um sich umzudrehen, und als sie es schließlich tat, spannte sie nur den Kiefer an. Sie schob meine Arme weg. »Er ist betrunken«, sagte sie.
    Jetzt beobachtete ich, wie sich die Wolken in graue Leere auflösten. Eine Möwe verfolgte eine kleine schwarze Krabbe, die nur aus Beinen zu bestehen schien. Sie pickte daran, spießte sie mit dem Schnabel auf, ließ sie dann fallen, warf sie wieder hoch und spuckte Schalen aus: so viel Arbeit für einen kleinen Bissen
Fleisch. Ich warf einen Stein nach ihr, und der Vogel flog über den Strand zurück. Ich streckte ihm die Zunge heraus, dann nahm ich mein Fahrrad und machte mich auf den Heimweg.
    Als ich am Hafen entlangging, sah ich in Samuel Peckhams Taverne Licht brennen. Man hörte Stimmen, grölendes Gelächter, den klagenden Ton eines Saxofons, und plötzlich wusste ich, warum. Es war Groundhog Day. Daddy war jedes Jahr am Murmeltier-Tag zum Zensus in die Taverne gegangen, der eher aus traditionellen Gründen abgehalten wurde, statt eine brauchbare Volkszählung zu liefern. Wenn man stockbesoffen ist, vergisst man mehr oder weniger alle Zahlen über fünfzig.
    Brad wäre dort, das wusste ich. Und damit auch Eve. Ich stand an der Tür, hauchte in meine Hände, um sie zu wärmen, und beobachtete Männer, die mit ihrem Bier vor sich telefonierten und Strichlisten führten. Als hätten sie ein Recht darauf, weil sie zu den achthundert Ortsansässigen gehörten, riefen sie Namen aus dem Gedächtnis auf und telefonierten die Gasthäuser ab, wo mitten im Winter auf dem Festland lebende Gemeindemitglieder auftauchten, nur um sich zählen zu lassen und dann wieder zu verschwinden.
    Es war dämmrig in der Gaststube und die Rauchschwaden so dicht, dass man fast nichts erkennen konnte. Und ja, Eve war hier und strich um die Bar. Ich sah, wie sie sich zu Brad setzte, und als er sie nicht beachtete, sein Bier nahm und sich zu jemand anderem stellte.
    »Was meint ihr, Jungs?«, fragte der Kongressabgeordnete Maclean, als sich Eve auf einen Hocker neben ihn schwang. »Zählen wir die Zwillinge als eine oder zwei Personen?«
    Sie lächelte und legte einen Arm um seine Schulter. »Und das von dem Politiker, der sich nur im Sommer, zur Volkszählung
und zum Wahltag hier sehen lässt. Ich würde sagen, Sie werden überhaupt nicht mitgezählt.«
    »Ich schätze, du bist eindeutig eine eigenständige Person«, erwiderte der Kongressabgeordnete grinsend.
    Am anderen Ende des Raums fasste Brad Missy, die Bedienung, um die Taille. »Ein echtes Original«, rief er.
    Mit gerötetem Gesicht sah Eve ihn an. »Genug für zwei Männer«, sagte sie und nahm einen Schluck Bier. Offensichtlich fügte sie sich perfekt hier ein, während sie mit Männern in Daddys Alter flirtete. In dem dämmrigen Licht erkannte ich sie kaum wieder. Sie sah aus wie jemand, vor dem ich Respekt hatte, ja Angst hatte, wie jemand, den ich heimlich beobachtete, um herauszufinden, woran es lag, dass sich jeder zu ihr hingezogen fühlte, als ginge ein geheimnisvoller Zauber von ihr aus.
    »Vielleicht hast du schon genug getrunken«, sagte der Kongressabgeordnete. »Bist du einundzwanzig?«
    »Fast.«
    Der Abgeordnete lachte. »Na schön, ich nehm’s dir ab. Abgesehen davon steht es mir sicher zu, staatliche Gesetze wenigstens für eine Nacht außer Kraft zu setzen.«
    Bill Greer, ein Mann mit aufgesprungenen Lippen und einer Haut, die die Farbe und Textur von Daddys Kunstlederbrieftasche hatte, grinste und schob ein weiteres Bier über den Tisch. »Sie hat einen Körper, der mindestens einundzwanzig ist. Trink, Süße, und wenn dich jemand heimbringen soll, gib mir Bescheid.«
    Eve rümpfte die Nase.
    »Solange du für die Drinks blechst, träum weiter.«
    Ich lehnte den Kopf an den Türrahmen, und die Klänge der lauten Jazzmusik ließen mir den Schädel brummen. Und während ich dort allein im Dunkeln stand, begriff ich schließlich,
dass Eve meine Welt verlassen und sich auf den Weg in eine andere gemacht hatte. Ohne sich darum zu kümmern, dass sie mich zurückließ.
     
    Es war früh am nächsten Morgen und immer noch dunkel. Um mich gegen die Kälte zu schützen, saß ich zusammengekauert auf Eves Bett. Eve starrte mich an, schien mich aber nicht zu sehen, denn ihre Augen waren kalt und blicklos wie Glasmurmeln. Ich rüttelte sie an den Schultern. »Hey, wach auf.«
    Sie rollte zur Wand und zog die Decke bis zum Kinn. So hatte ich sie inzwischen

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