Auf ewig und einen Tag - Roman
Und dass sie von uns erzählt hat.«
»Was sollte sie von uns erzählen?«
Ich zuckte die Achseln. »Ihre Freundin behauptet, sie habe ihr die Ohren von Geschichten über uns vollgequasselt. Ich verstehe nicht, wie sie nach bloß sechs Jahren mit uns überhaupt genügend Material dafür hatte.«
»Hast du irgendwas über mich gesagt? Dass ich sterbe?«
Ich versuchte, Eves Gesichtsausdruck zu deuten, die tiefen Falten um ihre Augen. »Ihre Freundin sagte, sie wisse bereits Bescheid. Irgendwie hat sie es erfahren.«
»Kommt sie mich besuchen?«
Ich beobachtete sie einen Moment, dann griff ich nach dem Paket, aber sie zog es zurück. Sie strich mit dem Finger über den Absender, immer wieder. »Miststück«, flüsterte sie.
»Alles in Ordnung mit dir?«
»Ich will’s dir sagen.« Sie lächelte mich schief an. »Weißt du, wie es war, als ich zu meiner letzten CT ging? Der Arzt saß da und hielt Bilder von meiner Lunge, meiner Leber und meinem Gehirn hoch, und überall waren diese weißen Flecken, wie Kulturen in einer Petrischale. Und er sagte, es sei zu weit fortgeschritten, habe schon zu weit gestreut, und er könne nichts mehr machen. Und ich hab nur an Justin und Gillian gedacht. Nicht an mich selbst, nicht daran, wie ungerecht das ist und dass ich
noch so jung bin. Ich dachte, wenn es wirklich einen Gott gibt, wie kann er das meiner Tochter antun?« Eves Augen verdüsterten sich. »Wir waren sechs Jahre alt, Kerry.«
Ich setzte mich auf den Boden. »Ich weiß.« Ich zog die Knie ans Kinn, legte die Arme darum und blickte zu ihr auf.
»Na los«, sagte sie und nickte. Ich sah einen Moment lang auf das Paket, dann riss ich das braune Packpapier ab.
Ein Schuhkarton kam zum Vorschein. Ich hob ihn hoch und betrachtete die Außenseite, als könnte sie mir etwas verraten: Nike Cross Training Schuhe, Größe 4o, weiß und dunkelgrün. Genau wie ich bewahrte sie wichtige Dinge in Schuhkartons auf. Ich nahm den Deckel ab.
In dem Karton waren Briefe und Karten in allen Größen und Farben. Sie waren in chronologischer Reihenfolge geordnet, die oberste aus dem Sommer, nachdem meine Mutter fortgegangen war, die unterste trug den Poststempel des Jahres vor Daddys Tod. Ich nahm den obersten Brief heraus und war verwirrt, als ich Daddys Handschrift sah, die vertrauten schwungvollen Anfangsbuchstaben, die in kritzelige kleine Schrift übergingen. Ich griff an Daddys Schlüsselkette, während ich las.
Diana,
Du sollst wissen, dass ich nicht meinetwegen, sondern wegen Deiner zwei kleinen Mädchen schreibe, nur für den Fall, dass Du sie vergessen hast. Ich kann sie natürlich nicht vergessen, weil ich sie jede Nacht nach ihrer Mama weinen höre. Was soll ich ihnen also sagen? Ich sage ihnen, dass Du um die Welt segelst, ein großes Abenteuer bestehst und zurückkommen wirst, sobald Du getan hast, was Du tun musst. Ich bete zu Gott, dass ich ihnen das Richtige sage.
Du hast gesagt, Du seist nicht dafür geschaffen, an eine Familie gebunden zu sein. Gut, das habe ich verstanden, und um ehrlich zu sein, hätte ich mir dieses Leben auch nicht ausgesucht. Aber ich werde meine Kinder nicht im Stich lassen, die niemand gefragt hat, ob sie geboren werden wollten. Denn meiner Ansicht nach haben wir unsere Wahl vor Langem getroffen und einfach nicht das Recht, jetzt nicht zu ihnen zu stehen.
Ich habe mich sehr bemüht, Dir ein gutes Leben zu bieten. Wir waren vielleicht nicht reich, aber wir hatten genug, um über die Runden zu kommen. Wenn Dir irgendwas gefehlt hat, hättest Du es sagen sollen. Aber vielleicht hattest Du recht, als Du meintest, es hätte nicht funktioniert, noch eines zu haben, aber wenn Du deswegen fort bist, sollst Du wissen, dass ich Dich zu nichts gezwungen hätte. Ich habe Dich eigentlich weniger wegen dem angeschrien, was Du getan hast, Diana, sondern weil Du nicht genügend an mich gedacht und es mir nicht vorher gesagt hast. Ich hätte Dir vergeben, selbst wenn es mir das Herz zerrissen hat, eines von Gottes hilflosesten Geschöpfen umzubringen.
Aber dafür ist es jetzt ohnehin zu spät, also will ich Dir nur sagen, wenn Du zurückkommst, fangen wir noch einmal ganz von vorn an.
Weil das, was Du hier hast, verdammt gut ist, selbst wenn Du das nicht einsiehst.
Ich muss aufhören, weil eines von den Mädchen weint. Du hast die neue Adresse, unser Haus ist gleich am Wasser, wie Du es Dir immer erträumt hast. Es ist ein gutes Haus, wir haben gute Nachbarn, und ich habe einen guten Job beim
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