AZRAEL
ihn bei seiner Größe fast wie ein gestrandetes Schiff aussehen ließ. Hinter den getönten Scheiben waren zwei Gestalten zu erkennen. Mark konnte ihre Gesichter nicht sehen, aber er spürte einfach, daß sie ihn anstarrten.
»Was ist los?« fragte Beate, und erst ihre Frage machte Mark klar, daß er sekundenlang wie gelähmt dagestanden und den Wagen angestarrt hatte. Vermutlich war er auch blaß geworden.
Mark drehte sich mit einer übertrieben heftigen Bewegung wieder zu ihr herum und zwang sich zu einem Lächeln. »Nichts«, sagte er. »Ich hatte gerade einen heftigen Anfall von Paranoia.«
»Das ist heilbar«, antwortete Beate gelassen. »Vertrau mir, ich weiß, wovon ich rede. Es kann ein paar Jahre dauern, aber ich verspreche dir, mich um dich zu kümmern. Du bekommst die beste Behandlung.«
»Zu freundlich«, maulte Mark. »Du bist wie eine Mutter zu mir.«
»Irgendwie werde ich das ja auch«, sagte Beate ernst. »Spätestens dann, wenn ich demnächst deinen Vater geheiratet habe.«
Mark lachte ebenfalls, wenn auch im Grunde nur, weil er das Gefühl hatte, es zu müssen, und auch nicht sehr lange. Sie alberten herum, aber diese Albernheiten begannen sich mehr und mehr in eine Richtung zu bewegen, die ihn erschreckte. Aber irgendwie schien das für alles zu gelten, was er heute begann, ganz gleich, was er sagte, dachte oder tat. Andererseits - was hatte er erwartet, nach dem, was er heute erfahren hatte? Oh ja, jetzt erinnere ich mich: Ich war dabei, als vier meiner Freunde gestorben sind und ein paar andere in der Klapsmühle landeten. Ach, und meine Mutter ist an dem zerbrochen, was ich getan habe? Interessant. Und was gibt es zum Abendessen?
»Ganz bestimmt nicht.« Das sagte er laut.
»Was meinst du?« fragte Beate.
»Nichts«, antwortete Mark. »Oder doch, ja... natürlich ist etwas nicht in Ordnung. Aber ich möchte nicht darüber reden. Ich habe heute ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk bekommen, weißt du. Ich fürchte nur, es gefällt mir nicht besonders.«
»Sagtest du nicht, du willst nicht darüber reden?« Beate nahm ihre Lederjacke vom Stuhl, warf sie sich mit einem energischen Schwung über die linke Schulter und kam um den Tisch herum. Mark folgte ihr, während sie sich ihren Weg durch das Stuhllabyrinth des Cafes bahnte und wie selbstverständlich nach links wandte. Nach links, nicht nach rechts. In die Richtung, in der Marks Elternhaus lag.
Einen Moment lang überlegte er ernsthaft, ob es Zufall war. Sicher, es war eine Fünfzig-Prozent-Chance, aber normal wäre gewesen, daß sie stehenblieb und ihn fragte, wohin, statt ganz selbstverständlich loszugehen und ganz selbstverständlich (und zielsicher?) in diese Richtung.
Was hatte er gerade über Paranoia gesagt?
»Es hat mit deinem Vater zu tun, nicht wahr?« fragte Beate, während sie nebeneinander die Straße hinunterschlenderten.
»Hm«, machte Mark. Im Gehen sah er über die Schulter zurück und stellte fest, daß der BMW noch immer an der gleichen Stelle stand. Wahrscheinlich würde er auch in einer Stunde noch genauso dastehen, oder in zwei. Was zum Teufel erwartete er eigentlich? Daß sie im Schrittempo hinter ihnen herfuhren?
»Wäre es nicht eine gute Idee, dich mit ihm auszusprechen?« fragte Beate. »Ich meine - heute ist dein Geburtstag. Immerhin ein Anlaß.«
»Hm«, machte Mark erneut.
Beate sah ihn schief an. »Irre ich mich, oder ist dein Wortschatz plötzlich drastisch geschrumpft?«
Mark hätte beinahe zum dritten Mal auf die gleiche Weise geantwortet, aber dann zuckte er statt dessen nur mit den Schultern und sagte gar nichts. Er hatte keine Lust, zu reden. Bisher hatte er beinahe jedes Mal, wenn er den Mund auf machte, Schaden damit angerichtet. Vielleicht sollte er sich die Lippen zunähen lassen.
Aber Beate gab nicht so rasch auf. Sie blieb stehen und drehte sich so herum, daß er um sie herumgehen oder sie gewaltsam aus dem Weg hätte schieben müssen. »Ich mache dir einen Vorschlag«, sagte sie. »Ich nehme mir ein Taxi und fahre zurück in mein dunkles, muffiges Zimmer in der Klinik, und du gehst nach Hause und sprichst dich mit deinem Vater aus. Deinen Geburtstag feiern wir einfach später.«
»Ich schätze, ich bin ein ziemlicher Stimmungskiller, wie?« fragte Mark.
»Wenn man auf Depressionen steht, nicht«, sagte Beate.
Vielleicht hatte sie ja recht. Bisher hatte Mark es trotz allem irgendwie geschafft, nicht über das nachzudenken, was er von Petri und seinem Vater erfahren hatte,
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