BAD BLOOD - Gesamtausgabe: Die Saga vom Ende der Zeiten (über 3000 Buchseiten!) (German Edition)
wegholten...«
»Sie brauchten viel Energie, um zwei Körper durch das Labyrinth der Wirklichkeiten zu lotsen. Sehr viel mehr Energie, als ihnen zur Verfügung stand.«
»Du hast ihnen
geholfen
«, beharrte Wyando. »Hilf auch mir!«
»Wobei?«
»Sieh mich an... Nein, nicht hier, nicht mit den Augen, die alles ebenso sehen wie meine Augen. Wechsele einmal auf die Pfade, die ich nie betreten werde, und sag mir hinterher, wie du mich gesehen hast. Ob dir etwas an mir aufgefallen ist!«
»Du bist ein Vampir.«
»Davon rede ich nicht.«
»Aber ich. Wenn du wüsstest, wie deinesgleichen für mich aussehen, würdest du –«
»Ich will wissen, wie der
Flaum
aussieht. Ob du
daran
eine Besonderheit erkennst – oder die Ursache seiner Veränderung.«
»Es scheint dich tatsächlich zu beunruhigen, und wahrscheinlich sogar mit Recht.«
Wyando verschränkte die Arme vor der Brust. »Es hat begonnen, nachdem ich Chiyodas Rat befolgte und das erste Mal
intensiv
an mir gearbeitet habe.«
»Unter gearbeitet verstehst du, das Böse in dir bekämpft zu haben, die Dunkelheit?«
»Ja.«
»Einverstanden. Ich werde einen Blick auf dich werfen. Es dauert nicht lange. Warte hier.«
Esben Storm schloss die Augen. Und als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, begann sein Körper damit,
unscharf
zu werden.
Kurz darauf war er
gegangen.
Als Caleb die Augen wieder aufschlug, war es Nacht. Im Zimmer war es dunkel geworden, nur von der lampenerhellten Straße fiel etwas Licht herein.
Sie hat es also wahr gemacht,
dachte der Jude und zerrte an seinen Fesseln. Das Stoffknäuel in seinem Mund wurde von einem hinter dem Kopf verknoteten Band daran gehindert, ausgespuckt zu werden.
»Gib dir keine Mühe. Die Stricke halten«, sagte eine Stimme aus der Dunkelheit.
Rona stand neben dem Fenster, nicht davor, deshalb brauchte es eine Weile, bis Caleb sie ausgemacht hatte. Davor hatte es den Anschein gehabt, als wäre sie mit der Dunkelheit verschmolzen gewesen – selbst zum Schatten geworden.
Regungslos lag er auf dem Bett. Beim Versuch, die Fesseln abzuschütteln, hatten sie sich noch enger zusammengezogen und schnürten ihm fast das Blut ab.
»Lass dich von mir nicht stören. Wenn dir danach ist, quäl dich ruhig selbst.«
Im selben Tonfall hätte Rona über das Wetter oder eine andere Belanglosigkeit reden können. Caleb versetzte es einen Stich, und einen Moment lang wünschte er sich, genauso kaltschnäuzig, genauso hartgesotten zu sein.
Aber der Wunsch wurde ihm nicht erfüllt.
Die schlanke Gestalt, die er selbst in dieses Haus geführt hatte, schaute nicht zu ihm, sondern auf die Straße hinaus. In Richtung des Gemüseladens.
Ob Onkel Jeb wirklich dorthin gegangen ist? Oder hat sie ihn...?
Der ins leere laufende Gedanke verursachte Caleb heftigere Bauchschmerzen, als ihm lieb war. Auch wenn er nie eine sehr harmonische Beziehung zu seinem antizionistischen Onkel gepflegt hatte, die Vorstellung, ihm könnte durch sein Mitverschulden etwas zugestoßen sein – etwas weitaus Schlimmeres noch als das, was Caleb gerade selbst durchlitt –, legte sich ihm wie ein Gewicht auf die Brust.
Ohne sich die Folgen vor Augen zu halten, zerrte er erneut an seinen Hand und Fußfesseln, die mit den Bettpfosten verknotet waren. Erst der Schmerz ließ ihn innehalten. Caleb stöhnte. Die Frau am Fenster fragte: »Wird man dich vermissen? Wird es auffallen, dass du nicht heimgekommen bist? Lebst du allein oder mit anderen zusammen? Mit deiner Familie, mit Freunden, einer
Freundin
...?«
Sie schien ihm zuzutrauen, dass er sich auch um sie bemüht hätte, wenn er bereits in einer festen Partnerschaft gelebt hätte. Wie wenig sie von ihm wusste.
Und er von ihr.
Er antwortete in den Knebel hinein.
Rona bewegte sich nicht von ihrem Platz weg.
»Es genügt«, sagte sie, »wenn du nickst oder den Kopf schüttelst.«
Er zögerte, dann verneinte er ihre Frage, was er aber augenblicklich bereute. Vielleicht hätte sie ihr Handeln neu überdacht, wenn sie sich etwas mehr Sorgen über die drohenden Konsequenzen hätte machen müssen...
Sie sagte: »Das ist gut. Gut für dich. Vielleicht kann ich dir dein Leben tatsächlich lassen.«
Der Gleichmut ihrer Stimme in Verbindung mit dem,
was
sie sagte, erhöhte Calebs Pulsschlag.
Durch die Nase atmete er tief ein und aus. Obwohl es nicht kalt war, fror er. Es war ein ähnlich übertriebenes Kälteempfinden wie an dem Morgen, der ihm immer noch in Erinnerung war; vor Jahren, als er
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