Bildnis eines Mädchens
er an sie dachte, dachte er alsoan Eitelkeit und an ein Ungeheuer, das aus einem tiefen Loch hervorstieg.
»Und warum steht ein Mädchen hier und kein Mann?«
»Frauen sind nun einmal eitel. Und außerdem warst du es, die mir das Bild eingab.«
Nika sah ihn böse an.
»Es gibt auch Männer«, sagte er besänftigend, »die sich selbst bespiegeln. Den Mythos von Narziss kennst du nicht. Narziss
war ein junger Mann.«
Nika fröstelte es. Dieses schreckliche Bild also hatte er in sich getragen, seit er sie gesehen hatte!
Wie zauberisch schön war dagegen der Ort gewesen, an den Segantini sie geführt hatte. Der stille Wald, der von Moos und Wurzeln
überwachsene Weg und der tiefe, dunkle Brunnen, in dessen Schwärze sich die weißen Wolken spiegelten. Wie gut es im Wald geduftet
hatte, wie geheimnisvoll Licht und Schatten spielten, das Holz unter ihren Schritten knackte, dann wieder Stille eingekehrt
war. Wie die Knospen der Alpenrosen aufgeglüht waren und sie das Gefühl gehabt hatte, gemeinsam mit Segantini in einen unergründlichen
Traum einzutauchen. Aber dieses Mädchen hier betrachtete er aus kühler Ferne, die Farben waren kalt und strahlten nicht ein
Fünkchen Liebe aus.
»Das Bild gefällt mir nicht«, sagte Nika.
»Ich bin sehr stolz auf das Bild«, sagte Segantini, »ich halte es für mein größtes bisher. Ich denke, ich werde es ›Vanitas‹
nennen. Das Wort ist lateinisch, es bedeutet ›Eitelkeit‹. Man könnte dem Bild auch andere Titel geben, es ›Der Brunnen des
Bösen‹ oder ›Venus vor dem Spiegel‹ nennen.«
Er betrachtete das Bild. »›La vanità‹ gefällt mir am besten. Darin steckt auch die Vergeblichkeit all unseres Strebens. Am
Ende steht immer der Tod. Der Tod ist immer da, immer mächtiger als wir.«
Er sah ihr entsetztes Gesicht und lachte. »Du musst keine Angst haben um mich. Eine Wahrsagerin hat mir das biblische Alter
von neunundneunzig Jahren prophezeit. Ich bin ein abergläubischer Mensch. Also glaube ich daran.«
»Das Bild gefällt mir trotzdem nicht«, sagte Nika. »Man schaut in den Spiegel, weil man wissen will, wer man ist. Ist daran
etwas Schlechtes?«
»Zu viel davon schadet«, entgegnete er. »Man sieht dann die anderen nicht mehr.«
»Vielleicht«, sagte Nika. »Aber mir hat niemand gezeigt, wer ich bin. Warum ich da bin. Ich schaue in den Spiegel, um das
herauszufinden.«
»Es ist auch Eitelkeit zu glauben, man könne sich selbst erkennen«, sagte Segantini.
»Aber was dann«, erwiderte Nika aufgebracht, »wenn man sich nicht erkennen kann?«
»Die einzige Rettung ist die Liebe«, sagte er, »die uneigennützige, dem anderen zugewandte Liebe – eine Liebe, wie es die
Mutterliebe ist.«
Nika schüttelte den Kopf. »Nicht alle Mütter lieben ihre Kinder. Meine Mutter hat mich nicht geliebt.«
»Das weißt du nicht.«
»Ich bin auf der Suche nach meiner Mutter, weil ich wissen will, warum sie mich verlassen hat. Vielleicht verstehe ich sie
dann besser.«
»Du musst lernen zu lieben, ohne zu begreifen. Solange wir nichts über den Tod wissen, wissen wir auch nichts Endgültiges
über das Leben. Du wirst nie alles herausfinden. Es ist besser, du glaubst, sie hätte dich geliebt.«
Nika blickte zu Boden.
»Nein. Ich werde die Suche nicht aufgeben. Überhaupt«, setzte sie ärgerlich hinzu, »den Drachen, den Sie da gemalt haben,
gibt es gar nicht. Es war nur ein merkwürdiges Insekt,das wir damals gesehen haben, auf dem Wasser der Gletschermühle.«
***
Nika sah sich in der Dachkammer um. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, eine Kommode mit dem Waschkrug. In der Kommode Platz für
eigene Sachen. Mein Gott, dachte sie, ich habe ein Zimmer. Ein Zimmer. Mit einem Fenster, durch das Licht hereinfällt.
Sie setzte sich vorsichtig auf das Bett, als könne es bei jeder heftigen Bewegung zusammenbrechen. Ein Bett. Ein Bett! Ein
Kissen! Ein Laken, kühl, fein, glatt. Nika stand wieder auf. Ging umher. Die Holzbohlen knarrten unter ihren Schritten. Sie
setzte sich wieder, erschrocken von dem Geräusch, denn sie hatte das Gefühl, sie müsse sich mucksmäuschenstill verhalten,
damit der Traum nicht wie eine Seifenblase zerplatzte.
Ein halbes Jahr war vergangen, seit sie weggelaufen war. Und nichts war mehr wie früher. Sie nahm das Medaillon vom Tisch
und versteckte es zwischen ihren wenigen Habseligkeiten in der Kommode.
Als Signore Robustelli sie hatte rufen lassen, um ihr zu sagen, er habe ein Zimmer für sie,
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