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Bookman - Das ewige Empire 1

Bookman - Das ewige Empire 1

Titel: Bookman - Das ewige Empire 1 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lavie Tidhar
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Sturm
    Der Rückstoß schleuderte ihn nach hinten. Orphan hatte den
Eindruck, als sauste eine riesige Hand aus Stein auf seine Schulter und seinen
Arm nieder. Der Knall, der gleichzeitig erfolgte, war ohrenbetäubend.
    Ein Buch landete in seinem Schoß, und als er es verdutzt ansah,
wurde ihm klar, dass er blutete. Das Blut rann über den Ledereinband und
vermischte sich mit dem Staub, der den Band wie eine dicke Pollenschicht
bedeckte.
    Ihm entfuhr ein ersticktes Lachen. Das Buch in seinem Schoß war Grays Anatomie .
    Genau das werde ich brauchen, dachte er.
    Er hob den Kopf. Seine Finger umklammerten das Buch.
    Jack lag zusammengesunken an der gegenüberliegenden Wand des Raums.
Mit einem Loch in der Brust.
    Aus dem jedoch kein Blut floss.
    Orphan rappelte sich hoch, indem er sich mit den Händen an der Wand
abstützte und dabei blutige Spuren hinterließ. Den Revolver ließ er neben dem
Buch auf dem Fußboden liegen.
    Als er tief Luft holte, spürte er einen stechenden Schmerz in den
Rippen. Seine Nase war verstopft und tat weh. Sein eines Bein knickte weg,
sodass er sich gegen die Wand lehnen musste.
    Jack lag reglos auf dem Boden. Auch er war gegen ein Regal geprallt,
dessen Bücher ihn wie gefallenes Laub umgaben.
    Langsam und vorsichtig, mit einer Hand an der Wand Halt suchend,
arbeitete sich Orphan zu Jack vor.
    Seine Ohren hallten von einem pfeifenden Geräusch wider. Und
irgendetwas stieg ihm in die Nase, obwohl sie verstopft war – ein beißender
Geruch von Schießpulver und noch etwas anderem, das an versengten Gummi
erinnerte …
    Jetzt hatte er Jack erreicht. Das Gesicht seines Freundes war völlig
ausdrucksleer, als wären seine Gesichtszüge halb weggeschmolzen und eine starre
Maske zurückgeblieben. Die Augen waren geschlossen.
    Orphan zwang sich, seinen Blick langsam vom Gesicht nach unten
wandern zu lassen, obwohl es seinen Augen zu widerstreben schien, dem Befehl
Folge zu leisten.
    In Jacks Brust war ein Loch. Und in dem Loch … flackerten bläuliche
Flammen.
    Ein Funke spritzte hoch, sodass Orphan erschrocken zurücktaumelte.
Dann kamen immer mehr Funken aus dem Loch, bis schließlich ein kleiner
elektrischer Sturm aus dem reglosen Körper hervorbrach und in die Luft
aufstieg.
    Statt Blut sondert er Elektrizität ab, dachte Orphan. Und dann
stellte er sich endlich dem Gedanken, der ihn bereits beschlichen hatte, als
Jack auf ihn losgegangen war.
    Ein Simulacrum .
    Er kniete sich neben Jack hin und griff nach seiner Hand. Obwohl
kein Puls zu spüren war, fühlte sich die Haut warm an, und als Orphan genauer
hinsah, bemerkte er, dass sich unter der Haut Lichtlinien bewegten.
    Er spähte in das Loch in Jacks Brust, aus dem immer noch Funken
aufflogen, wenn auch in verminderter Zahl. Im Inneren … Das begriff er einfach
nicht. Wahrscheinlich hatte er Rädchen und Zahnräder erwartet. Doch das Innere
von Jacks Körper glich keiner Maschine, die er kannte. Eher einem
komplizierten, seltsam schönen Gemälde, das sich aus unverständlichen
Miniaturteilen zusammensetzte. Das hier war weder ein Mensch noch eine
Maschine, sondern das Produkt einer unbekannten Technologie, das möglicherweise
Elemente von beidem enthielt.
    Jack, dachte er bedrückt. Warum? Wer steckt da dahinter?
    Doch die Antwort auf diese Frage kannte er bereits. Er erhob sich
und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Überall lagen Bücher herum wie
verwundete Soldaten auf einem Schlachtfeld. Da war der Tisch mit dem
Tesla-Gerät. Weiter nichts. Er machte sich daran, die Regale zu durchforsten,
indem er sich mit der Hand daran abstützte und sich Schritt für Schritt
vorwärtsbewegte.
    Â»Ich weiß, dass du hier bist«, sagte er in die Stille hinein. »Ich
weiß, dass du mich hören kannst.«
    Die Bücher, dachte er. Er brauchte einen Anhaltspunkt. Er nahm die
Bücher, die noch in den Regalen standen, eines nach dem anderen heraus, las den
Titel und warf es anschließend auf den Boden. Wenn Jack etwas zu verstecken
hatte, dann hätte er es in Büchern versteckt, überlegte er.
    Jo March, Die Phantomhand . Porträts Londoner Wissenschaftler von William Ashbless.
Hawthorne Abendsen, Mühsam hebt sich die Heuschrecke. Die
Encyclopaedia Asinaria. Das Buch der Drei . Emmanuel Goldstein, Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus .
Captain Eustacio Binky, Kaffeekochen als schöne Kunst .
Ludvig

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