Castle 3: Heat Rises - Kaltgestellt (German Edition)
ihren Fragen fertig und hielt ihnen die Tür auf. Als sie weg waren, fragte Ochoa: „Haben Sie tatsächlich
El Corazón de la Violencia
gelesen?“
Sie nickte. „Viel gebracht hat es mir offenbar nicht.“
Für den Rest des Nachmittags konzentrierte sie sich auf die Arbeit, um die bedrückende Atmosphäre fernzuhalten, die sich wie ein giftiger Nebel über die Flure des 20. Reviers gelegt hatte. In jeder anderen Branche wäre das Geschäft nach dem Tod eines Abteilungsleiters für den Tag geschlossen worden. Doch das hier war das New Yorker Polizeidezernat. Hier konnte man nicht ausstempeln und nach Hause gehen, nur weil man traurig war.
Wenigstens wusste Nikki, wie sie ihre Gefühle während der Arbeitszeit ausblenden konnte. Das musste sie. Wenn sie ihre Emotionen nicht hinter luftdichte Türen sperrte, würden die Ungeheuer, die sich gegen die Stahlplatten warfen, herauskommen und sie bei lebendigem Leib fressen. Der Schock und die Trauer waren zu erwarten. Doch das wütende Geheul, das sie nur mit großer Anstrengung zum Verstummen bringen konnte, stammte von der Schuld. Die letzten Tage mit ihrem Mentor waren voller Streit und Verdächtigungen gewesen. Manche davon hatte sie ausgesprochen, über andere lediglich nachgedacht – das waren ihre eigenen schmutzigen Geheimnisse. Nikki hatte nicht gewusst, wohin das alles führen würde, doch sie hatte sich an die stille Hoffnung geklammert, dass es eine Lösung gab, die ihre Freundschaft wiederherstellen würde. Ihr wäre nie in den Sinn gekommen, dass diese Tragödie die Geschichte, die Nikki zu erzählen glaubte, so abrupt beenden würde. John Lennon hatte einst gesagt, das Leben sei das, was passiere, während man andere Pläne schmiede.
Das Gleiche galt für den Tod.
Auch wenn Fellers und Van Meters Ratschlag am Tatort recht unverblümt gewesen war, nahm Nikki ihn an und setzte sich hin, um die Fakten zu Montroses Tod ohne Vorurteile zu betrachten. Detective Heat besorgte sich ein leeres Blatt Papier und schrieb mit einem Bleistift Einzelheiten auf. Auf diese Weise erschuf sie auf dem Papier ihr eigenes, privates Mordfallbrett. Dabei konzentrierte sie sich besonders auf die seltsamen neuen Verhaltensweisen des Captains in den vergangenen Tagen und schrieb sie alle auf: die Abwesenheiten, die Gereiztheit, die Heimlichtuerei, seine Behinderung ihrer Ermittlung, seine Wut, als sie darauf beharrte, die Ermittlungsarbeit zu leisten, die er ihr beigebracht hatte.
Heat starrte auf die Seite.
Die Fragen, die in ihrem Hinterkopf herumlungerten, traten vor und hoben die Hände. Sauber oder nicht, wusste Captain Montrose, was auf dem Spiel stand? Hatte er versucht, sie zu beschützen? Wollte er deswegen nicht, dass sie sich intensiver mit dem Mord an Graf beschäftigte? Weil sonst ein Trupp bewaffneter Typen versuchen würde, sie im Central Park zu erledigen? Waren das CIA-Söldner? Fußsoldaten aus Drogenkartellen? Ein kolumbianisches Mordkommando? Oder jemand, auf den sie bisher noch gar nicht gekommen war?
Und waren diese Kerle dann als Nächstes auf Montrose losgegangen?
Nikki faltete das Blatt Papier zusammen und steckte es in ihre Hosentasche. Dann dachte sie einen Augenblick lang darüber nach, nahm es wieder heraus und ging zum richtigen Mordfallbrett hinüber, um ihre Notizen darauf zu übertragen. Nein, sie würde nicht glauben, dass der Tod des Captains ein Selbstmord war. Noch nicht.
„Dies ist ein offizieller Anruf“, sagte Zach Hamner, woraufhin Heat sich fragte, was ihre anderen Unterhaltungen dann gewesen waren. „Ich habe soeben eine formelle Beschwerde erhalten, und zwar von einer Organisation namens …“ Sie konnte am anderen Ende der Leitung Papier rascheln hören und half ihm auf die Sprünge.
„
Justicia a Guarda
.“
„Ja. Ihre Aussprache ist gut. Jedenfalls unterstellen sie Ihnen Schikane und rassistische Äußerungen, die während eines Treffens gefallen sein sollen, dass heute mit Ihnen stattgefunden hat.“
„Das werden Sie doch wohl nicht ernst nehmen“, sagte sie.
„Detective, ist Ihnen klar, wie viel Geld die Stadt New York im Verlauf des letzten Jahrzehnts wegen Klagen gegen dieses Dezernat gezahlt hat?“ Er wartete ihre Antwort nicht ab. „Neunhundertvierundsechzig Millionen Dollar. Das ist fast eine Milliarde. Verstehen Sie mich? Eine
Milliarde
! Ob ich solche Behauptungen ernst nehme? Darauf können Sie Gift nehmen. Und Sie sollten sie ebenfalls ernst nehmen. So etwas können Sie momentan nämlich überhaupt
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