Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
Trainerin über den von ihr thematisierten Vorfall
auch unterschiedlich kommunizieren. Von der Sachebene aus würde sie sagen: »Neulich habe ich dies und das erlebt« und sich
primär auf eine sachliche Darstellung stützen. Auf der Kindheitsebene würde sie mit verzagter Stimme berichten: »Neulich ist
mir etwas Schreckliches passiert …«. Und von der Elternebene aus würde sie entrüstet berichten: »Also neulich ist mir eine
unglaubliche Unverschämtheit begegnet …«.
Im Sinne einer interaktiven Verschränkung kann nun der Gesprächspartner in einem komplementären Sinne antworten. Wenn also
Person A etwa von der Kindheitsebene aus kommuniziert, kann Person B von der Elternebene aus antworten. Das würde sich in
unserem Beispiel folgendermaßen anhören:
Die Klientin sagt: »Ist es nicht schrecklich, was mir passiert ist?« und die Beraterin: »Das ist ja wirklich furchtbar mit
diesen Männern.«
Diese Art komplementärer Kommunikation könnte beliebig lange fortgesetzt werden. Sie erbrächte aber für die Klientin keine
oder sogar gegenläufige Effekte; denn sie würde durch die elternhafte Beraterin dauerhaft in einer kindlich klagenden Haltung
unterstützt. Und mit dieser könnte sie das Phänomen in ihrem Arbeitsfeld schwerlich meistern.
Eine andere durch
Berne
beschriebene Konstellation führt im Coaching meistens schon anfangs zu sehr offensichtlichen Problemen.
Stellen wir uns vor, die Klientin sei als Trainerin durch ihre Arbeit gewöhnt, jedes Phänomen elternhaft zu beschreiben. Dann
würde sie sagen: »Ist das nicht eine Unverschämtheit, was mir neulich passiert ist? Also denen werde ich aber nächstens die
Leviten lesen!« Damit nimmt sie gewissermaßen selbst vorweg, was sie zu tun gedenkt, und für die Beraterin bleibt kein Spielraum
mehr zur Beratung. Wenn es sich bei der Beraterin gleichfalls um eine Frau handelt, die primär auf der Eltern-Ich-Ebene kommuniziert,
würde sie sagen: »Also Moment mal, so einfach sind ja nun die Dinge nicht.« In diesem Fall würde sich die Klientin wahrscheinlich
vor den Kopf gestoßen fühlen und verärgert reagieren.
Hier handelt es sich nicht um eine komplementäre Kommunikation, sondern um eine symmetrische. Diese führt leicht zu einer
unendlichen Folge rivalisierender Interaktionsakte.
Berne
bezeichnet solche Kommunikation als »Kreuzung«, weil sich die Erwartungen der Gesprächspartner mit den jeweils anderen durchkreuzen.
Die Empfehlung kann hier nur lauten, die Interaktion durch
Metakommunikation
abzuklären.
|235| In unserem Beispiel könnte die Beraterin z. B. auf die elternhafte Darstellung der Klientin erwidern: »Mir scheint, Sie wissen
ja schon genau, was sie tun wollen. Brauchen Sie mich dann überhaupt in dieser Angelegenheit?«
Derartige Phänomene ergeben sich gerade bei der Führungsberatung relativ häufig, weil Führungskräfte durch ihre tagtäglichen
Interaktionen oft einen generell elternhaften Kommunikationsstil entwickeln, den sie dann auch dem Coach gegenüber realisieren.
Und derartige Gesprächskomplikationen ergeben sich besonders oft, wenn der Klient älter ist als der Coach oder sich etwa bei
organisationsinternem Coaching von seinem subjektiven Eindruck her statushöher als der Coach fühlt. Da sich aber nun die passenden
Rollendefinitionen nicht so ohne weiteres herbeizaubern lassen, sollte ein Coach schon im Vorfeld überlegen, ob er die Arbeit
mit einem bestimmten Klienten überhaupt aufnehmen will und kann.
Ein anderes von
Berne
beschriebenes Phänomen betrifft »Spiele«. Bei einem Spiel im Sinne
Bernes
handelt es sich um eine fortlaufende Folge von Kommunikationsakten mit
»verdeckten Botschaften«
. Sie sind für beide Interaktionspartner ausgesprochen unproduktiv. Für Beratungskonstellationen geradezu typisch ist das
»Warum-nicht-ja-aber«-Spiel. Der Klient schildert eine problematische Situation, und der Coach macht Veränderungsvorschläge
wie: »Warum tun Sie nicht dies oder jenes?« Der Klient nun beantwortet jeden Vorschlag mit der Sentenz: »Ja, aber …«, um sodann
zu begründen, warum die Vorschläge des Coach nicht sinnvoll oder nicht realisierbar sind. Am Ende hat er dem Coach jeweils
demonstriert, dass dieser auch nicht klüger ist als er selbst.
Bei solchen Interaktionen sollte sich ein Coach unbedingt fragen, was ihn dazu veranlasst, sich von seinem Klienten so depotenzieren
zu lassen. Hier handelt es sich
Weitere Kostenlose Bücher