Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
zumindest scheinbar im Vordergrund.
Dieser Typ von Botschaften manifestierte sich bei der jungen Frau in unserem obigen Beispiel, indem sie mich über die Vorgänge
in der Pause informierte: »Es ist grauenhaft, sie sprechen ständig in anzüglicher Weise von irgendwelchen Frauen und blinzeln
mich dabei an.«
Der Ausdrucksaspekt von Botschaften
Bei jedem Sprechakt sagt der Sprecher etwas über sich selbst aus. Er offenbart eigene Gefühle oder eigene Wertungen, bzw.
er verleiht ihnen Ausdruck. So enthalten alle noch so sachlich formulierten Sprechakte von Coaching-Klienten eine Aussage
über sie selbst.
So gab die junge Frau gleichlaufend mit der Information über die Vorgänge zu verstehen, dass sie sich durch die besagten Ereignisse
als Frau bedrängt fühlte, sie also als »grauenhaft« erlebte und damit kritisch bewertete.
Der Appellaspekt von Botschaften
Neben sachlichen Botschaften und solchen über sich selbst enthalten Sprechakte immer irgendeine Aufforderung an den Empfänger,
sich in einer bestimmten Weise zu verhalten. Dementsprechend enthält die sprachliche Kommunikation von Klienten in der Regel
auch irgendeinen Appell an den Coach.
In unserem Beispiel sandte die junge Frau im Zuge ihrer Ausführungen den unausgesprochenen Appell an mich als Beraterin, sie
bei einer Veränderung der Situation möglichst tatkräftig zu unterstützen.
Der Beziehungsaspekt von Botschaften
Ein von
Watzlawick
et al. (1966) besonders betonter Aspekt von Botschaften stellt die Beziehungsdefinition gegenüber dem Gesprächspartner dar.
Dieser Aspekt fließt auch in jeden Sprechakt von Beratungssituationen ein.
So signalisierte die junge Frau allein schon durch die Tatsache, dass sie mich als Beraterin eigens aufgesucht hatte, die
Bereitschaft, eine vertrauensvolle Beziehung anzubahnen. Mit ihrer oben beschriebenen Aussage präzisierte sie diese |231| Bereitschaft weiter, indem sie unterschwellig mitteilte, dass sie sich mir in dieser speziellen Angelegenheit anvertrauen
wolle.
Was hier so leicht und flüssig beschrieben scheint, stellt sich im Konkreten allerdings sehr viel undurchschaubarer dar. Wie
Watzlawick
et al. (1966) anhand vieler Beispiele zeigen, können sich die Botschaften ein und derselben Aussage gegenseitig widersprechen
oder sich gar ausschließen.
So wäre denkbar, die junge Frau sagt: »Die Situation ist grauenhaft, aber ich glaube, da kann mir niemand helfen.«
In diesem Fall würde indirekt ein Appell im Sinne von »hilf mir« gesandt, der aber sofort als unerfüllbar definiert wird.
Hier sollte der Empfänger die Widersprüchlichkeit der Botschaften selbst zum Gegenstand des Gesprächs machen. Solche als
»Metakommunikation«
bezeichneten Dialoge müssen häufig auch beim Coaching geführt werden. Dann verschiebt sich der Dialog inhaltlich auf die Kommunikationsart
des Klienten.
Nun sei allerdings Vorsicht angeraten, jede minimale Widersprüchlichkeit oder vielleicht nur
Mehrdeutigkeit
sofort metakommunikativ verhandeln zu wollen. Wie
Cronen
et al. (1983) anmerken, gehören derartige Kommunikationsmuster in manchen Milieus zum selbstverständlichen Bestandteil eines
jeden Dialogs. Menschen, die sich häufig mit Partnern aus Fernost unterhalten, wissen manches davon zu berichten. Aber schon
in Süddeutschland oder in Österreich gelten mehrdeutige Kommunikationsformen durchaus als üblich.
Die Analyse von Kommunikationsakten verkompliziert sich erheblich, wenn wir uns deutlich machen, dass jeder Sprechakt von
nonverbaler
Expression
begleitet ist. Stimme, Mimik und Gestik können die sprachlich artikulierten Botschaften unterstützen, sie können ihnen aber
auch widersprechen oder sogar entgegenstehen. Mit
Cronen
et al. (1983) lässt sich behaupten, dass jeder menschliche Kommunikationsakt eine schier unendliche Fülle an Botschaften enthält,
die von einem anderen Menschen nie zur Gänze erfasst werden kann. So ist jedem professionellen Kommunikator nur zu raten,
seine Wahrnehmungs- und Deutungsfähigkeit für kommunikative Phänomene zu schärfen, damit er zumindest die aktuell dialogbehindernden
Widersprüche und Paradoxien erfasst, und nur diese sind dann metakommunikativ aufzuklären.
|232| 3.2 Diagnostische Zugänge für die Zweiseitigkeit sprachlicher Kommunikation
Nun handelt es sich bei sprachlicher Kommunikation um interaktives Geschehen, das mit den bisher angesprochenen Kategorien
nur sehr vorläufig zu erfassen
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