Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
Soeben war schon
die Rede von »veränderten Deutungsmustern«, die sich im Verlauf von Rekonstruktionen |180| gleichsam von selbst ergeben. Auf welche Veränderungen zielt Coaching aber darüber hinaus, oder anders gefragt, welche Wirkungen
sucht es noch zu erzeugen? Wie im Weiteren deutlich werden soll, reicht in vielen Fällen eine ausschließliche Korrektur der
Horizontstruktur nicht aus, um gutes Management und Selbstmanagement zu garantieren. Dann muss im Coaching auch eine konsequente
Arbeit an Handlungsmustern stattfinden. Systematischer formuliert: Dieser Coaching-Ansatz strebt Veränderungen von Deutungs-
und Handlungsmustern an. Dabei kann die Modifikation in der Umstrukturierung oder in der Neuentwicklung von Mustern bestehen.
Solche Veränderungen erfolgen teils spontan, sie können aber auch im Rahmen gezielter Korrekturen stattfinden.
2.1 Spontane Wirkungen
Anhand der Beispiele zur Rekonstruktionsarbeit klang schon an, dass sich manche verändernden Wirkungen beim Coaching spontan
ergeben. Sie sind dann vom Coach nicht eigens beabsichtigt, sondern ergeben sich fast von selbst. Rekonstruktionen erzeugen
nämlich vielfach breite Wirkungen, d. h. sie ziehen nicht nur Umstrukturierungen und Neuentwicklungen von Deutungsmustern
nach sich, sondern auch spontane Korrekturen des Handlungsrepertoires.
In unserem ersten Beispiel war der Manager durch die Rekonstruktion von der persönlichen Lage der Sekretärin so angerührt,
dass er wie selbstverständlich eine durchaus wärmende und unterstützende Haltung ihr gegenüber aktivieren konnte. Darüber
hinaus erkannte er, mit welcher Strenge er seinen Emotionen und denen anderer begegnete. Das machte ihn immerhin sehr nachdenklich
und erbrachte für die weitere Arbeit eine gute Motivation, seine Bezüge zu Kollegen, Vorgesetzten usw. genauer zu beleuchten.
Hier veränderten sich zunächst die Deutungsmuster des Managers im Hinblick auf das Verhalten der Sekretärin und im Hinblick
auf sich selbst. Er konnte ihre Trödeligkeit und seine Strenge nun neu zuordnen. Das lässt sich als Umstrukturierung bezeichnen.
Diese neue Sichtweise ermöglichte es ihm aber auch sofort, angemessenere Handlungsmuster gegenüber der Sekretärin zu aktivieren.
Die Leiterin der therapeutischen Einrichtung konnte sich durch die Rekonstruktion des gesamten Problemfeldes immerhin von
ihren verengten Perspektiven |181| befreien, sodass sie zunächst eine Linderung von Ohnmachts- und Insuffizienzgefühlen erlebte. In diesem Stadium des Coaching
gelang es ihr aber noch nicht, verändert zu handeln.
Die Rekonstruktion bewirkte hier in erster Linie eine Erweiterung von ursprünglich nur individualisierenden Deutungsmustern.
Die Klientin verstand nun, dass die aktuelle Misere nicht primär durch ihre Persönlichkeit verursacht war, sondern auch durch
den gesamten Arbeitskontext und seine Geschichte. Sie strukturierte ihre bisherigen Deutungsmuster aber auch um; denn sie
analysierte alle Interaktionen neu und erkannte, dass sich ihre Lage durch die eigenen festgefahrenen Interpretationsmuster
gegenüber der Vorgesetzten und gegenüber den Kollegen noch empfindlich verkompliziert hatte. Sie erkannte außerdem, dass die
organisatorischen Bedingungen mit den ehrenamtlichen Vorgesetzten auch objektiv schwierig bleiben mussten. Da aber die meisten
Interaktionen der Leiterin schon zu sehr pathologisch eingeschliffen waren, gelang es ihr trotz des neu gewonnenen Verständnisses
noch nicht, verändert zu handeln.
Solche »unvollkommenen« Effekte stellen bei einmaligen Rekonstruktionen fast die Regel dar; d. h. um profunde Veränderungen
einzuleiten, bedarf es meistens gezielterer Arbeit. Oft bewirken ja Rekonstruktionen nur spontane Aha-Erlebnisse, bei denen
Klienten zwar punktuell neue Einsichten gewinnen; an den Arbeitsplatz zurückgekehrt, fallen sie aber in ihre alten Muster
zurück. Insbesondere bei Krisen, die schon länger bestehen, können sich neu gewonnene Deutungsmuster bei Klienten nur selten
umfassend und nahtlos verankern. In Fällen, wo Kränkungen stattfanden und bei allen Beteiligten noch viel Groll oder ähnliche
Gefühle eine Rolle spielen, bedarf es einer fortlaufenden Folge von Deutungskorrekturen.
Es sei aber schon an dieser Stelle bemerkt, dass vielfach auch eine prozessuale Rekonstruktionsarbeit, die nur auf Veränderungen
von Zuordnungsmustern zentriert ist, nicht hinreicht, um verändertes Handeln
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