Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
zunächst eingestehen wollte.
Die Leiterin einer »sozial-orientierten« (
Brody
1993) Therapieeinrichtung dagegen, die durch ihre Arbeit gewöhnt war, psychische Verstimmungen von Menschen in frühkindlichen
Erfahrungswelten zu verorten, stellte, als sie diese Konzepte auf ihre eigene Arbeitsunlust anwandte, erstaunt fest, dass
ihre aktuelle Lage so nur unzulänglich zu erklären war.
Coaching-Klienten versuchen also zunächst immer, ihre aktuellen Themen selbst zu strukturieren. Sie greifen dabei auf Muster
zurück, die in ihrem Berufskontext üblich sind. In einen Coaching-Prozess treten sie im Allgemeinen erst dann ein, wenn sie
bemerken, dass sich ihre Strukturierungsmuster als unzureichend oder als zu eingeschränkt erweisen. Deshalb zielt Coaching
in einem ersten Schritt darauf,
gegenstandsangemessene
Problemdefinitionen
zu erarbeiten. Hierbei ist zuerst die spezifische |175| Berufskonstellation möglichst detailliert zu untersuchen und dann zu ermitteln, welche Aspekte der Veränderung bedürfen.
Im obigen Beispiel des Managers stellte sich bei einer genaueren Analyse heraus, dass die Sekretärin dem Manager nebenbei
von einem berufsbedingten Wohnortwechsel ihres Freundes berichtet hatte. Im Coaching ließ sich die Hypothese formulieren,
dass sie durch diesen Umstand vorübergehend depressiv verstimmt war. Der Manager äußerte nun sogar von sich aus, dass sie
im Moment vielleicht mehr Einfühlsamkeit und Aufmerksamkeit von ihm benötigt hätte. Sie selbst vermied es allerdings, ihre
aktuelle Situation dem Vorgesetzten gegenüber deutlich zu machen, weil sie, wie er nun vermutete, nur Appelle an ihre Selbstdisziplin
erwartete. Als Problemdefinition schälte sich dann beim Coaching heraus, dass der Manager seine spezifischen Deutungs- und
Handlungsmuster gegenüber der Sekretärin korrigieren sollte.
1.2 Die Bedeutung szenischer Rekonstruktionen
Die in diesem Ansatz praktizierte besondere Art der Rekonstruktion, nämlich die »szenische Rekonstruktion«, kommt nicht nur
Klienten zugute, sondern sie erweist sich auch als hilfreich für den Coach.
Die Bedeutung szenischer Rekonstruktionen für Klienten
Wie ich anhand der anthropologischen Prämissen für Coaching-Konzepte postuliert habe, ist ein Klient immer als Körper-Seele-Geist-Subjekt
zu begreifen. Deshalb sollte im Verlauf von Beratungen jede Rekonstruktion möglichst allen Ebenen von Mensch-Sein gerecht
werden. Das erfordert Rekonstruktionsformen, mit denen Praxissituationen nicht nur digital (
Watzlawik
et al. 1968), also rein intellektuell und sprachlich, wiedergegeben, sondern im Kontext der Coaching-Situation auch erlebnishaft
reproduziert werden können (
Lorenzer
1970;
Petzold
1993). Eine zentrale Intention von Rekonstruktionen besteht nämlich darin, berufliche Szenen über entsprechende Arbeitsweisen
zu verlebendigen. Die Klienten werden dabei gebeten, vorstellungsmäßig noch einmal in der Praxisszene zu »sein«.
Beim Coaching des Managers, der seine Sekretärin nicht mehr verstand, bat ich ihn also, sich die Mitarbeiterin auf einem leeren
Stuhl vorzustellen, so wie sie dasitzt, vor sich hinsieht, wie sie sich bewegt usw.
|176| In Vollzug der erneut aktualisierten szenischen Erfahrung befindet sich der Coaching-Klient in einem Zustand, bei dem seine
rationalen Kontrollen leicht reduziert sind. Das bewirkt Regressionen, die je nach dem infrage stehenden Thema, aber auch
entsprechend der aktuellen Beratungssituation mehr oder weniger tiefgreifend sind. Auf diese Weise aktualisieren sich im Klienten
szenische Phänomene, die weit über das sprachlich leicht und flüssig Artikulierbare hinausreichen.
Die Klienten »sehen« noch einmal die Szene mit ihren Elementen vor sich, sie »hören« noch einmal, was gesprochen wurde, sie
»riechen« vielleicht sogar noch einmal, was zu riechen war usw. Es treten dabei oft Phänomene in den Vordergrund des Erlebens,
die dem bewussten Wahrnehmen von Klienten in der realen Situation entgangen waren. Der Coach bittet dann, all das Erlebte
möglichst ungefiltert sprachlich oder nichtsprachlich zum Ausdruck zu bringen.
Im Schonraum des Coaching, wo der Handlungsdruck der Praxis entfällt, können Klienten nämlich relevante berufliche Erfahrungen
konzentrierter wahrnehmen, noch einmal erfassen und neu ausdeuten. Hier ist es auch möglich, versuchsweise eine exzentrische
Position gegenüber der Szene einzunehmen, sie also etwa aus den Augen
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