Congo
ließen sich sogar gelegentlich Friedhöfe finden —, aber niemand nahm ernsthaft an, daß er ausgerottet sei. Noch 1956 schrieb H.C. Engert: »Der Kannibalismus ist in Afrika bei weitem noch nicht tot… Ich habe selbst eine Weile in einem Kannibalendorf zugebracht und einige (menschliche) Knochen gefunden. Es handelt sich bei den Eingeborenen um überaus freundliche Menschen. Der Kannibalismus ist einfach ein alter Brauch, der nicht so schnell aufgegeben wird.«
In Munros Augen war der Aufruhr der Kigani 1979 lediglich eine politische Unbotmäßigkeit. Die Angehörigen des Stamms rebellierten gegen die Aufforderung der Regierung des Landes Zaire, Ackerbau zu treiben, statt zu jagen — als sei das alles so einfach. Die Kigani waren ein armes, rückständiges Volk, Hygiene war bei ihnen nur wenig entwickelt, ihre Nahrung war eiweiß- und vitaminarm, und sie fielen häufig der Malaria, dem Hakenwurm, der Bilharziose und der Schlafkrankheit zum Opfer. Jedes vierte Kind starb bereits bei der Geburt, und nur wenige Kigani wurden älter als fünfundzwanzig Jahre. Die Mühsal ihres Daseins erforderte Erklärungen, und die lieferten ihnen Angawa oder Zauberer. Die Kigani glaubten, daß die Mehrzahl der Todesfälle durch das Eingreifen übernatürlicher Kräfte erfolgte: Das Opfer war von einem Zauberer verhext, hatte ein Tabu gebrochen oder wurde von rachedurstigen Geistern aus dem Totenreich umgebracht. Auch der Jagd wohnte ein übernatürlicher Aspekt inne: Das Wild wurde stark von der Geisterwelt beeinflußt.
Tatsächlich erschien den Kigani die übernatürliche Welt weit wirklicher als die Alltagswelt, die sie für einen »Wachtraum« hielten. Sie versuchten, die übernatürlichen Kräfte durch Zauberbann und von den Angawa hergestellte Zaubertränke zu beherrschen. Sie führten auch rituelle Veränderungen an ihren Leibern durch, bemalten beispielsweise Gesicht und Hände weiß, um damit dem Krieger für die Schlacht größere Kräfte zu verleihen. Da die Kigani glaubten, daß auch den Leichen ihrer Feinde ein Zauber innewohnte, aßen sie sie, um den von anderen Angawa ausgesprochenen Zauber zu brechen. Die ursprünglich dem Gegner eigenen magischen Kräfte sollten so auf sie übergehen, und die Bemühungen der feindlichen Zauberer vereitelt werden.
Dieser Glaube war uralt, und die Kigani reagierten schon immer in ganz bestimmter Weise auf Bedrohungen. Dazu gehörte, daß sie andere Menschen aßen. 1890 zogen sie im Norden auf den Kriegspfad, nachdem die ersten Fremden mit Feuerwaffen bei ihren Einfallen das Wild vergrämt hatten. Als sie im Bürgerkrieg 1961 vor dem Hungertod standen, griffen sie andere Stämme an und aßen ihre Opfer.
»Und warum essen sie jetzt Menschen?« fragte Elliot Munro. »Sie bestehen auf ihrem Jagdrecht«, sagte Munro. »Ganz gleich, was die Bürokraten in Kinshasa davon halten.«
Am frühen Nachmittag erklommen die Expeditionsteilnehmer einen Berg, von dem aus sie die Täler überblicken konnten, die in südlicher Richtung hinter ihnen lagen. In der Feme entdeckten sie große Rauchwolken und sahen Flammen emporzüngeln. Man hörte die gedämpften Detonationen von Luft-Boden-Raketen und das Rotorklopfen von Hubschraubern, die wie mechanische Geier über einem erlegten Stück Wild in der Luft kreisten. »Das sind Kigani-Dörfer«, sagte Munro und blickte kopfschüttelnd zurück. »Sie haben nicht die geringsten Aussichten, zumal alle Mänrter in den Hubschraubern und die Bodentruppen, die, sie unterstützen, vom Abawe-Stamm sind, dem Erbfeind der Kigani.«
Die Welt des 20. Jahrhunderts hatte keinen Raum für den Glauben von Kannibalen, und die Regierung in Kinshasa, dreitausend Kilometer entfernt, hatte bereits beschlossen, »den peinlichen Brauch der Menschenfresserei« in den Grenzen ihres Landes mit Stumpf und Stiel auszurotten. Sie schickte im Juni fünftausend Soldaten und sechs mit Raketen ausgerüstete amerikanische UH-2-Hubschrauber sowie zehn gepanzerte Mannschaftstransporter gegen die Kigani, um die Rebellion niederzuschlagen. Der kommandierende Befehlshaber, General Ngo Muguru, gab sich keinen Täuschungen über seinen Auftrag hin: man wollte in Kinshasa, daß er den Stamm der Kigani ausrottete und genau das dachte er zu tun.
Während des übrigen Tages hörten sie entfernte Detonationen von Mörsern und Raketen. Es war unmöglich, den Kontrast zwischen dieser modernen Bewaffnung und Pfeil und Bogen der Kigani-Krieger zu übersehen, die sie beobachtet hatten.
Karen Ross
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