Das Dorn-Projekt: Der frühe Homanx-Zyklus, Bd. 3
sondern auch nach der Ästhetik des Gesamtbildes.
Doch es waren die Imbissstände, an denen dann alle Hemmungen fielen; Thranx erkannten, dass ihnen eine Vielzahl menschlicher Nahrungsmittel sehr mundeten, und Menschen genossen die vielen neuen Säfte und Suppen, die die Nahrungsmittel-Experten der Thranx zubereitet hatten. Die großen wissenschaftlichen Entdeckungen der jeweils anderen Spezies, neue Kunstwerke, die außergewöhnlichen Vorführungen körperlicher Geschicklichkeit und die Möglchkeit, den eigenen Lebensstil zu kultivieren - alles das begeisterte die Besucher enorm. Aber nichts schlägt so viele Leute gleichzeitig in den Bann wie ein neuer vorzüglicher Geschmack auf der Zunge.
Briann und Twikanrozex schlenderten durch den Pavillon. Diesmal zogen sie kaum neugierige Blicke auf sich. Jeder war zu sehr auf die Exponate und Installationen konzentriert, war zu sehr damit beschäftigt, neue Nahrungsmittel und Getränke zu entdecken oder damit, den umherwandernden kichernden Thranx-Poeten zu lauschen, als dass man Zeit gehabt hätte, einem hier in diesem Pavillon herumstromernden Gespann aus einem Thranx und einem Menschen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Und die beiden Priester störten sich auch nicht an dem offensichtlichen Mangel an Aufmerksamkeit, der ihnen hier zuteil wurde. Die Gesellschaft des jeweils anderen genügte ihnen.
Allerdings beobachteten sie mit Vergnügen die unbewusste Leichtigkeit, mit der sich die beiden Spezies in der Gegenwart der jeweils anderen amüsierten. Innerhalb der exotischen Umgebung des Pavillons und bei diesem Angebot an verführerischen Speisen und Getränken, wundersamen Exponaten, ungewöhnlichen Vorführungen und bei der großen Zahl einmaliger Möglichkeiten, sich zu zerstreuen, erübrigten nur einige wenige Besucher Zeit dafür, sich unvorteilhaft über die lediglich körperlichen Unterschiede des Priester-Gespanns auszulassen.
»Sieh doch nur«, bemerkte Twikanrozex, »wie der Gestalt-Chauvinismus seine ganze Wirksamkeit verliert, wenn sich jeder einfach nur wohl fühlt.«
Briann nickte. »Es ist schwer, jemanden zu hassen, der neben einem sitzt und herzhaft lacht. Abgesehen von ein paar vereinzelten Zwischenfällen scheint mir diese Messe eine Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren Spezies zu versprechen. Inmitten so viel positiver Stimmung sollte die Kirche gut gedeihen können.«
Twikanrozex machte eine Gebärde, die Übereinstimmung zweiten Grades andeutete. » Criill, wir sollten diese positive Stimmung nähren und denen, deren Gefühle sich noch im Widerstreit befinden, beistehen. Es gibt noch sehr viel Arbeit, die getan werden muss.«
Sie umrundeten eine sich langsam drehende Scheibe, auf der sich thranxische Körperpoeten immer wieder zu neuen, immer komplexeren Mustern formierten. Uralte Traditionen, die einst beim Bau der imposanten unterirdischen Kammern Verwendung gefunden hatten, waren in eine wundersame, hochkomplexe Art der Darstellungskunst verwandelt worden, der menschliche Akrobaten nur nachzueifern sich erhoffen konnten, ohne je eine Vollendung zu erreichen.
»Ich für meinen Teil weiß«, erklärte Briann, »dass wir unser Ziel erreicht haben, wenn ein Menschen, der nicht Teil der Kirche ist, zustimmt, dass ihm ein Thranx den kirchlichen Segen spendet.«
Mit feinen Bewegungen von Kopf und Antennen und seinen Händen signalisierte Twikanrozex eine Mischung aus Verständnis und allgemeiner Verblüffung. »Es ist mir ein Rätsel, wie empfindungsfähige Wesen sich eher in Anwesenheit einer feindlich gesinnten, aber vom Körperbau ihnen ähnelnden Kreatur entspannt fühlen können als in der Gesellschaft einer wohlwollenden, aber körperlich ganz anders beschaffenen Intelligenz.«
Die Körperpoeten benutzten ihr starres Exoskelett wie die Einzelteile einer Skulptur; so errichteten sie eine komplizierte geometrische Figur, die beinahe bis hinauf zum polarisierten Dach des Pavillons reichte. Ein gemischtes Publikum aus wohlriechenden Thranx und verschwitzten Menschen zirpten und jubelten einstimmig. Wie immer war die Reaktion der menschlichen Kinder besonders ermutigend. Für sie - für diese Kinder, deren Verstand noch nicht von den Vorurteilen oder dem Misstrauen ihrer Eltern vergiftet worden ist, dachte Briann - waren die Thranx ein herrliches Mysterium, wunderbar duftend und fremdartig, wie übergroßes Spielzeug, das auch noch antworten konnte. Wie Twikanrozex schon angemerkt hatte, gab es noch viel Arbeit, die getan werden
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