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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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»Wenn der König ihm die Markgrafschaft nimmt, könnte er rebellieren und die tausend Mann unter seinem Befehl nach Sachsen führen, während der König Krieg im Westen führt.«
    Otto stand mit versteinerter Miene da und sagte immer noch nichts, aber sein Schweigen sprach Bände.
    »Schande …«, murmelte Brun und fuhr sich mit der Linken über den Blondschopf.
    »Aber selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wenn Ihr nichts unternehmt, um Gero zur Rechenschaft zu ziehen, werden es slawische Krieger sein, die in Sachsen einfallen. Und zwar in Scharen«, warnte Tugomir.
    Brun nahm die Hand vom Kopf, legte sie um seinen Becher und trommelte versonnen mit Mittel- und Zeigefinger gegen die fein ziselierte Bronze. Schließlich sagte er: »Ich frage mich, ob es nicht noch einen anderen Weg geben könnte, den Slawen und auch Graf Gero deutlich zu machen, dass Ihr das Blutbad von Meißen nicht billigt, mein König. Ohne ihn gleich abzusetzen und so zu brüskieren, dass Ihr den Ärmsten in die Rebellion treibt. Aber doch wiederum drastisch genug, dass er die Warnung versteht.«
    »Und zwar?« Der König betrachtete seinen jüngsten Bruder mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. »Wir sind gespannt, Brun. Was heckst du aus?«
    »Womöglich ist es ein völlig abwegiger Gedanke …« Der junge Priester sah zu Tugomir, und mit einem Mal war der schelmische Ausdruck aus seinen Augen verschwunden, ihr Blick ebenso ernst wie durchdringend. »Ich denke, es wird vielleicht Zeit, dass der rechtmäßige Fürst der Heveller nach Hause zurückkehrt.«
    Tugomir kniete in der wundervollen Klosterkirche auf den harten Steinfliesen, den Kopf gesenkt, die Stirn auf die rechte Faust gestützt.
    Was hat es zu bedeuten, Gott? Und was soll ich tun?
    Er hatte seinen Geist zur Ruhe gebracht und geöffnet, so wie der Hohepriester auf der Brandenburg es ihn gelehrt hatte, damit er Gottes Antwort auch hörte, falls sie kam.
    Sein neuer Gott offenbarte sich nicht in Visionen, hatte Tugomir gelernt, und er schickte ihm auch keine Vila, die ihn mit ihren Trugbildern und Wahrheiten auf einen verschlungenen Pfad der Erkenntnis führte. Der Gott der Christen hatte alles, was die Menschen wissen mussten, in sein Buch geschrieben. Alle Antworten standen darin. Wer seine Hilfe wollte, musste beten, aber wer seinen Rat suchte, musste sein Buch lesen. Tugomir hatte damit begonnen, das zu erlernen, aber er stand noch am Anfang. Er wusste, der richtige Weg wäre gewesen, Widukind oder einen anderen Gottesmann um Hilfe zu bitten. Doch Tugomir war selbst Priester und darum nicht daran gewöhnt, für die Zwiesprache mit dem Göttlichen die Vermittlung eines Dritten in Anspruch zu nehmen. Der Gedanke war ihm suspekt. Darum war er hier.
    »Die Mönche tuscheln darüber, dass du manchmal stundenlang hier kniest, ohne dich ein einziges Mal zu rühren. So als spürtest du die Qualen gar nicht, die das dem Leib nach einer Weile bereitet.«
    Tugomir kehrte in die körperliche Welt zurück, und schlagartig begannen seine Knie zu schmerzen. Wortlos schaute er auf.
    König Otto lehnte neben ihm an einer der Säulen, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah auf ihn hinab. »Die Brüder beneiden dich um diese Gabe. Ich auch.«
    Der Hevellerprinz bekreuzigte sich und stand auf. »Mir war nicht bewusst, dass die Ausübung von Frömmigkeit ein Wettstreit ist.«
    Otto lächelte matt. »Doch ist es die menschliche Natur, scheint mir, dass wir einander unsere Tugendhaftigkeit beweisen wollen.«
    Tugomir zog die Brauen in die Höhe. »Das wäre eitel. Und Eitelkeit zählt nicht zu Euren Schwächen, König Otto.«
    »Falls das stimmt, sei Gott dafür gepriesen. Denn ich habe genügend andere.«
    »Ich widerspreche Euch nicht.«
    Otto wurde wieder ernst. »Warum bist du davongelaufen?«
    Tugomir wandte den Blick ab und antwortete nicht. Er war aus der Halle gestürmt, geflüchtet, als er feststellen musste, dass der König und Widukind ihn erwartungsvoll ansahen, statt Bruns unbedachten Vorschlag rundheraus zu verwerfen. Sich unerlaubt aus der Gegenwart des Königs zu entfernen, gehörte sich nicht, und Tugomir hatte damit gerechnet, dass Otto ihm Udo hinterherschicken würde, um ihn zurückzuschleifen. Stattdessen war der König selbst zu ihm gekommen, und Tugomir schauderte bei der Erkenntnis, was das zu bedeuten hatte.
    »Wisst Ihr das wirklich nicht?«
    »Aber ich dachte, es sei dein sehnlichster Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Ich erinnere mich an Zeiten, da wir dich

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