Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
mein Vetter und sah mir so ähnlich wie du Otto. Aber ich … ich habe ihn mit Leidenschaft verachtet, weil er keinen Krieg gegen König Heinrich führen wollte. Und jetzt schau mich an.« Er konnte nur den Kopf schütteln über die absurden Wendungen, die das Leben manchmal nahm.
»Die böhmischen Christen verehren ihn als Märtyrer und Heiligen«, sagte Widukind.
»Wirklich? Stell dir nur vor, welche Chancen sich mir mit einem Mal eröffnen …«
»Ja, spotte, so viel du willst, Tugomir, aber es gibt mehr als nur äußerliche Gemeinsamkeiten zwischen euch. Wenzel war jedenfalls auch ein glühender Verehrer des heiligen Vitus und hat ihm eine Kirche gebaut. Darum schien mir die Reliquie für den heutigen Anlass angemessen.«
Tugomir schloss die Faust um das schmale Silberreliquiar. »Hab Dank, Widukind.«
»Es wird Zeit«, sagte Semela. Falls er nervös war oder Zweifel am Ausgang des Kampfes hatte, verbarg er es gut. »Zeig mir deine Linke, Fürst.«
Untypisch folgsam streckte Tugomir ihm die knochige, tätowierte Hand entgegen und drehte die Innenfläche nach oben. Die Schnittwunde, die er bei seinem unglückseligen Kampf mit Dragomir davongetragen hatte, war tief und hässlich gewesen. Aber er hatte Glück gehabt. Die Naht hatte sich nicht entzündet, sondern war gut geheilt, und nur der kleine Finger war unbeweglich geworden, alle anderen gehorchten noch.
Semela schaute von der Handfläche auf. »Wird es halten?«
»Das wissen wir in einer Stunde. Aber ich denke, doch. Zum Glück habe ich sie selbst genäht, nicht du. Können wir jetzt gehen?«
Der grasbewachsene Platz zwischen der Halle und dem Jarovit-Tempel wimmelte von Menschen. Alle Männer der Burg und viele aus der Vorburg waren gekommen, um den Zweikampf zu sehen, aber keine Frauen. Sie durften bei Gottesurteilen ebenso wenig zugegen sein wie bei Tempelzeremonien.
Die Menge verstummte und bildete bereitwillig eine Gasse, als der Fürst mit seinen beiden ungleichen Sekundanten auf dem Kampfplatz erschien.
Bogdan erwartete ihn bereits. Er stand mit seinem Vetter Radomir an der Ostseite des etwa kreisförmigen Kampfplatzes und unterhielt die umstehenden Zuschauer mit seinem Muskelspiel. Genau wie Tugomir trug er nur ein Paar eng anliegender Beinlinge, über deren Bund eine beachtliche, fischweiße Wampe hing. Aber Tugomir wusste, er durfte sich davon nicht täuschen lassen. Unter dem Fett waren Muskeln so hart wie Granit. Tugomir war ein großer Mann, doch Bogdan war ein Koloss von über sechs Fuß, und er verfügte über Bärenkräfte. Jeden Tag ihrer Jugend hatte Bolilut mit ihm gefochten und gerungen; niemals hatte er ihn schlagen können. Schädel zu spalten und Knochen zu brechen war seit jeher Bogdans liebster Zeitvertreib gewesen, und das Stirnband, das sein schütteres Haar zurückhielt, war rötlich braun von dem Blut seines letzten unterlegenen Gegners, in welchem er es getränkt hatte. Er hielt seinen Eschenprügel in der emporgereckten Rechten, und der Umfang seines Oberarms war dicker als so mancher Oberschenkel.
Als er Tugomir auf der anderen Seite des Platzes entdeckte, stellte er seine Possen ein, stemmte den Stock vor sich ins Gras und blickte ihm mit verengten Augen entgegen.
Tugomir tat es ihm gleich, führte das kleine Reliquiar um seinen Hals kurz an die Lippen und schaute dann zu Godemir, Slawomir, Draschko und Tuglo, die in ihren feinen Priestergewändern auf einer Bank in vorderster Reihe saßen. Das leise Gemurmel der Zuschauer verebbte.
Godemir stand auf. »Dieser Kampf soll uns den Willen der Götter offenbaren, keine alten Rechnungen begleichen.« Sein strenger Blick glitt zu Bogdan. »Wer gegen die Regeln verstößt, hat den Kampf verloren.«
Welche Regeln? , dachte Tugomir grimmig und schloss die Hände fester um seinen Stock. Die Linke begann leise zu pochen.
Der alte Priester hob die Arme. »Möge Jarovit mit euch sein, und möge Veles den Unterlegenen sicher in die andere Welt geleiten. Kämpft.«
Bogdan und Tugomir traten in die Platzmitte.
»Heute Nacht werd ich mich zu deiner Witwe legen und ihr zeigen, was ein echter slawischer Schwanz ist, Tugomir.«
Tugomir zeigte ein sehr sparsames Lächeln. »Deine Witwe hat nichts dergleichen zu befürchten. Wenn ich wählen müsste, würde ich mich lieber zu deinen Hunden legen als zu deiner Frau.«
Mit einem Wutschrei, der durch Mark und Bein ging, hob Bogdan seinen Knüppel und machte einen Satz auf ihn zu. Pfeifend sauste der Stock durch die Luft und
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