Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
wusste beim besten Willen nicht, wo er es hernahm, dieses Lächeln, denn Bogdan hatte recht: Tugomirs Chancen standen nicht gut.
Er sah zur Priesterseite der Tafel und fand Widukinds Blick. Der Bischof hob mit einem untypisch verwegenen Grinsen die Schultern und sagte auf Sächsisch: »Gott und seine Heiligen wirken jeden Tag größere Wunder.«
Er versuchte, seine Frau nicht so zu lieben, als wäre es das letzte Mal. Alveradis spürte seine Zweifel, die Furcht und seine Gier nach Leben natürlich trotzdem, schlang die Beine um seine Hüften, als wolle sie ihn nie wieder hergeben, und erwiderte seine drängenden Stöße wie meistens mit stummer Leidenschaft. Doch als er sich schließlich von ihr löste, unternahm sie keinen Versuch, ihn festzuhalten.
Tugomir setzte sich auf, lehnte sich an das fellbespannte Kopfteil seines komfortablen Bettes, und sie rückte neben ihn und legte den Kopf an seine Schulter. Das hüftlange Haar hing wie ein Vorhang vor ihrem Gesicht und ihren Brüsten und schimmerte im Licht der kleinen Öllampe wie gesponnener Bernstein.
»Es tut mir leid, dass ich dir das zumute«, sagte er. »Aber es ist der einzige Weg.«
»Warum?« Ihre Stimme klang heiser. Mit sinkendem Herzen erkannte er, dass sie weinte. Ungeduldig fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Wangen und schob dabei den Haarvorhang ein wenig zurück, sodass er sie anschauen konnte. »Vergib mir«, bat sie zerknirscht. »Ich sollte mich schämen, es schwerer für dich zu machen, als es sowieso schon ist.« Es klang streng, so als rede sie sich selbst ins Gewissen, aber trotzdem kamen neue Tränen.
Er wischte sie lächelnd mit dem Daumen weg. »Ich bin vermutlich der erste Fürst der Heveller, der versucht, einen Krieg zu verhindern«, begann er zu erklären. »Das verstehen die Menschen hier nicht. Uns Slawen ist der Krieg so heilig, dass wir unseren Kriegsgott verehren wie kaum einen anderen und ihm einen mannshohen Schild aus purem Gold weihen. Natürlich muss ein Volk wehrhaft und kriegerisch sein, um gegen seine Feinde zu bestehen, daran glaube auch ich. Aber einen Krieg gegen Otto können wir einfach nicht gewinnen. Darum halte ich ihn für sinnlos. Männer wie Tuglo und Bogdan hingegen, selbst Godemir und mein Onkel Slawomir glauben etwas anderes. Ein Fürst, der einen Krieg scheut, ist in ihren Augen schwach. Und wenn es eine Sache gibt, die wir Slawen einfach nicht dulden können, ist es Schwäche. Darum muss ich ihnen beweisen, dass nicht Schwäche der Grund für mein Handeln ist, sonst töten sie mich.«
»Aber wenn du verlierst, töten sie dich auch«, konterte sie erstickt.
Tugomir rechnete es ihr hoch an, dass sie ihn nicht fragte: Was soll dann aus mir werden? Doch das war es natürlich, was sie dachte. Sie hatte Angst um ihn, aber auch um sich selbst und ihr ungeborenes Kind, und das zu Recht.
Er machte ihr nichts vor. »Wenn ich verliere, bin ich tot, denn einen Zweikampf, der den Willen der Götter offenbaren soll, darf nur einer der Kämpfer überleben. Aber wenigstens bestimme ich dann das Wann und das Wie. Hör mir gut zu, Alveradis: Morgen früh, wenn es hell wird, gehst du mit Dragomira zusammen in die Vorburg. Dort warten Dervan und ein halbes Dutzend weitere Daleminzer mit Pferden und Proviant auf euch. Wenn ich den Kampf verliere, bringen sie euch zurück nach Magdeburg. Aber ihr müsst auf der Stelle aufbrechen, wenn die Nachricht kommt, verstehst du?«
Sie nickte.
»Schwöre es mir.«
Alveradis nahm sich zusammen. »Ja.« Sie straffte sichtlich die Schultern, legte die rechte Hand aufs Herz und hob die Linke zum Schwur. »Ich schwöre.«
»Gut.« Er fühlte sich ein wenig besser. »Und nun muss ich gehen.«
Sie war überrascht, aber sie protestierte nicht.
Tugomir stand auf, streifte die Hosen über und schnürte sie zu. Auf einmal hatte er es eilig, Alveradis zu entkommen. Er wusste, er musste den Rest der Nacht nutzen, um sich vorzubereiten und sich hart zu machen. Er würde im Kampf keine Rüstung tragen, aber sein Geist musste gepanzert sein. Und dazu musste er alles aus seinen Gedanken und seinem Herzen verbannen, was nicht kalt und grausam und kriegerisch war.
»Gott sei mit dir und beschütze dich, Tugomir.« Ihre Stimme klang jetzt fest. »Ich werde für dich beten.«
Er lächelte auf sie hinab. »Wir sehen uns zum Frühstück oder in der nächsten Welt.«
Sein Pferd stand vor der Halle bereit, wie Tugomir befohlen hatte. Es war eine mondhelle Nacht, und er fand den Weg ohne
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