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Das Jahr der Kraniche - Roman

Das Jahr der Kraniche - Roman

Titel: Das Jahr der Kraniche - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Blanvalet-Verlag <München>
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gemacht.«
    Also doch. Da war also irgendwas an dieser Frau, das nicht in Ordnung war. Sonst hätte Jan sich doch keine Sorgen gemacht.
    »Sie war ein schrecklicher Wildfang, der vor nichts Angst hatte. Sie kletterte auf die höchsten Bäume. Und dann saß sie oben wie eine kleine Katze, die nicht mehr herunterfand. Sie ritt wie eine Indianerin. Ohne Sattel, immer in Höchstgeschwindigkeit. Es konnte einem angst und bange werden, wenn man sah, wie sie ihr Pferd über die Gräben und durch die Wälder jagte. Nicht nur einmal ist sie mit dem Kopf gegen einen Ast geknallt und im hohen Bogen runtergeflogen. Hanno und ich waren in ständiger Alarmbereitschaft. Nur vor dem Wasser hatte sie lange Zeit Angst. Ich vermute, weil ihre Mutter im Meer ertrunken ist. Ich hab einen ganzen Sommer gebraucht, um ihr das Schwimmen beizubringen.«
    War es Eifersucht, was da in Laura aufwallte? Wenn ja, würde sie ’nen Teufel tun und Jan davon erzählen. Sie sollte sich freuen, dass sie Elke kennenlernen durfte. Durch sie würde sie Einiges über diesen Mann, der ihr natürlich immer noch ein wenig fremd war, erfahren. Und außerdem war Jan nach dem Unfalltod seiner Eltern doch ziemlich allein gewesen. Wie gut, dass es da Elke gegeben hatte. Und Hanno. Sie waren ihm so etwas wie eine Ersatzfamilie gewesen.
    Laura dachte an ihre Mutter. Nach der Scheidung waren sie und Laura eng zusammengerückt. Karin hatte ihr Leben ganz auf ihre kleine Tochter eingestellt. Zwar hatte sie hin und wieder einen Freund gehabt, aber letzten Endes doch nicht mehr geheiratet. Laura hatte sich oft gefragt, ob sie der Grund dafür gewesen war, dass ihre Mutter keine neue Partnerschaft eingehen wollte. Aber wenn sie sie darauf angesprochen hatte, hatte Karin immer gesagt, dass sie einfach nicht den Richtigen gefunden habe. Und mit einem Falschen sei sie ja schon zusammen gewesen. Sie waren eine unzertrennliche Einheit geworden, Mutter und Tochter. Laura hatte die tatkräftige Frau, die immer gute Laune zu haben schien und die ihren Beruf als Anwaltssekretärin und die Erziehung ihrer Tochter so problemlos unter einen Hut zu bekommen schien, bewundert. Auch wenn sie sich, als sie älter war, durchaus manchmal gewünscht hatte, dass Karin sich doch noch einmal ernsthaft verlieben würde. Auf jeden Fall war ihre Mutter immer für sie da gewesen. Sie hatte mit ihren Problemen zu ihr kommen können. Nächtelang hatten sie auf dem Sofa gesessen und über zickige Freundinnen, strenge Lehrer und natürlich irgendwann auch über Männer und die damit verbundenen Herzschmerzen geredet. Auch als sie schon ausgezogen war, hatten sie und ihre Mutter einen Jour fixe eingerichtet, sich jeden Donnerstag erst zum Kino verabredet und dann hinterher bei einem Wein »über alles« geredet. Laura, die bei ihren Freundinnen gesehen hatte, dass eine derart gute Beziehung zur Mutter für Mädchen überhaupt nicht selbstverständlich zu sein schien, war immer dankbar dafür gewesen, in ihrer Mutter eine verständnisvolle Begleiterin durchs Leben gehabt zu haben. Sie bedauerte jeden, der sich mit seinen Eltern nicht verstand. Und als sie von Jan erfahren hatte, dass seine Eltern tot waren und er auch sonst keine nahen Verwandten hatte, hatte sie großes Mitleid mit ihm empfunden. Umso erleichterter hätte sie jetzt eigentlich sein müssen, da sie begriff, dass Jan tatsächlich nicht ganz allein gewesen war, sondern in Hanno einen wunderbaren, sehr nahen Freund hatte und in Elke so etwas wie eine kleine Schwester. Und doch war da so ein mulmiges Gefühl. Diese Panik in Elkes Augen, diese Nervosität, als sie die Scherben eingesammelt hatte.
    »Jan merkt alles. Er hasst Veränderungen.«
    Elkes Stimme klang schrill in ihr nach.

6
    Die alte Frau schrie gellend auf. Der große Vogel stürzte sich auf sie. Sein Schnabel, der gelbe Schnabel– er würde ihr die Augen aushacken. Der Vogel breitete die schwarzen Flügel aus. Sie versuchte, ihre Augen mit ihren Händen zu schützen, spürte seine Krallen auf ihrer Brust, als er auf ihr landete. Die Federn streiften ihr Gesicht. Sein Schrei klirrte in ihren Ohren. In Panik schlug sie um sich. Ihr Herz schlug zum Zerbersten. Jetzt! Der gelbe Schnabel hieb auf ihr Gesicht ein. Blut spritzte. Seine schwarzen Augen glühten kalt…
    »Wach auf, Jette. Komm, wach auf. Das ist nur ein Traum.«
    »Er will mich töten. Er will mich…« Jette Politschek wachte atemlos auf. »Der Kranich… sein Schnabel… Er will mich töten.«
    Das dünne graue Haar

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