Das mohnrote Meer - Roman
primitive Bambusplattform mit einem Schilfdach, doch sie stand im Schatten eines üppigen Schraubenbaums, und gerade ihre Schlichtheit ließ den Gumashta an jene einsamen Refugien denken, in denen die großen Weisen und Seher der Vergangenheit in Meditation versunken saßen.
Just an diesem Morgen hatte Babu Nob Kissin eine kurze Nachricht von Ramsaranji, dem Dafadar, erhalten. Er halte sich noch tief im Hinterland auf, schrieb der Dafadar, werde aber voraussichtlich in vier Wochen in Kalkutta eintreffen mit einer großen Gruppe von Kontraktarbeitern, Männern und Frauen. Das bedeutete, dass zu den zahlreichen Sorgen des Gumashtas eine weitere, besonders dringliche hinzukam: Wo sollten diese Auswanderer untergebracht werden? Vier Wochen waren eine sehr kurze Zeit, um Unterkünfte für so viele Menschen bereitzustellen.
In der Vergangenheit hatten Dafadars wie Ramsaranji ihre angeworbenen Arbeiter meist bei sich zu Hause untergebracht, bis sie verschifft wurden. Das hatte sich jedoch aus mehreren Gründen als unbefriedigend erwiesen: Zum einen wurden die Leute dadurch jäh der Großstadt und damit auch allen möglichen Versuchungen und Gerüchten ausgesetzt. In einer Stadt wie Kalkutta fehlte es nicht an Menschen, die hinter einfachen Leuten vom Lande her waren, und in früheren Jahren waren viele Angeworbene wegen der Geschichten, die ihnen irgendwelche Unruhestifter erzählt hatten, davongelaufen.
Manche hatten in der Stadt Arbeit gefunden, andere waren schnurstracks in ihre Dörfer zurückgekehrt. Einige Dafadars hatten versucht, ihre Leute einzusperren, doch damit hatten sie Revolten, Brände und Ausbrüche provoziert. Ein weiteres Problem war das ungesunde Klima der Stadt: Jedes Jahr starben etliche Auswanderer an ansteckenden Krankheiten. Für den Investor stellte jeder tote, entflohene oder invalide Kontraktarbeiter einen schweren Verlust dar, und es zeigte sich immer deutlicher, dass das Geschäft keinen Gewinn mehr abwerfen würde, falls nicht bald eine Lösung für das Problem gefunden wurde.
Diese Lösung nun stand dem Gumashta an jenem Tag plötzlich vor Augen: Man musste ein Lager errichten, genau hier, am Ufer von Tolly’s Nala. Wie im Traum sah Babu Nob Kissin eine Ansammlung von Hütten dort stehen, ähnlich den Unterkünften eines Ashrams. Das Lager würde einen Trinkwasserbrunnen haben, ein Ghat zum Baden, ein paar Schattenbäume und einen gepflasterten Platz für die Zubereitung und Einnahme der Mahlzeiten. Im Zentrum des Komplexes würde ein kleiner Tempel stehen, als Markierungspunkt für den Beginn der Reise nach Marich. Er sah den Turm schon vor sich, der aus den Rauchschleiern der Verbrennungsstätte ragte. Auswanderer, die dicht gedrängt davorstanden, um ihre letzten Gebete auf heimatlichem Boden zu sprechen. Es würde ihre letzte Erinnerung an das Land des Rosenapfelbaums sein, bevor sie aufs Schwarze Wasser hinausmussten. Sie würden es ihren Kindern und Kindeskindern erzählen, die nach Generationen hierher zurückkehren würden, um ihrer Vorfahren zu gedenken.
Das Lalbazar-Gefängnis lag mitten in Kalkuttas überfülltem Zentrum wie eine Riesenfaust, die das Herz der Stadt fest im Griff hatte. Das abweisende Äußere des Komplexes täuschte
jedoch, denn hinter der massiven Backsteinfassade lag ein Labyrinth von Höfen, Gängen, Büros, Unterkünften und Waffenarsenalen. Gefängniszellen nahmen nur einen kleinen Teil des Komplexes ein, denn trotz seines Namens war Lalbazar eigentlich kein Kerker, sondern nur eine Art Zwischenstation, in der die Häftlinge während der Dauer ihres Verfahrens festgehalten wurden. Da hier auch die zentrale Verwaltung der städtischen Polizei untergebracht war, herrschte ständig ein reges Kommen und Gehen von Soldaten und Beamten, Häftlingen und Polizisten, Händlern und Boten.
Nils Unterkunft lag im administrativen Flügel des Gefängnisses, klar getrennt von den Teilen, in denen andere, vom Glück weniger begünstigte Häftlinge hinter Schloss und Riegel saßen. Man hatte für ihn mehrere Büroräume im Parterre ausgeräumt, sodass ein komfortables Apartment mit einem Schlafzimmer, einem Salon und einer kleinen Küche entstanden war. Nil wurde auch das Privileg zugestanden, tagsüber einen Diener bei sich zu haben, der die Räume sauber hielt und ihm die Mahlzeiten servierte. Was Essen und Trinken anging, so kam alles, was er zu sich nahm, aus seinen eigenen Küchen, denn die zuständigen Stellen wollten sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie hätten
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