Das Werk der Teufelin
genommen hat.
»Du spielst dich mal wieder prächtig auf, Almut!«, stellte Thea mit harter Stimme fest und beugte sich zu Angelika hinüber, um ihr den Kopf zu halten. »Du solltest manchmal die Kranken und Leidenden etwas pfleglicher behandeln! Da siehst du, was du davon hast!«
»Schon gut. Aber sie hat sich nicht über Magenschmerzen beklagt.« Und zu dem Mädchen gewandt, meinte sie dann: »Natürlich kannst du im Bett bleiben, Angelika, wenn es dir so schlecht geht. Elsa wird sich nachher um dich kümmern.«
Almut verließ das Refektorium, um mit der Seidweberin Judith in die Stadt zu gehen und die Stoffe abzuliefern, die sie für den Probst von Maria ad Gradus hergestellt hatten. Es war kühl geworden, und dicke Wolken jagten über den Himmel. Heftige Windböen wirbelten den Staub auf und zerrten an ihren Röcken, als sie am Rhein entlang Richtung Dom gingen. Hoch ragte das Strebwerk des bereits fertig gestellten Chors auf und glänzte hell in den vereinzelten Sonnenstrahlen, die das steinerne Filigran beleuchteten. Almut fand ihr inneres Gleichgewicht wieder beim Anblick der vollkommenen Architektur dieses himmelan strebenden Bauwerks, und als sie den ersten Teil ihrer Waren dem Verwalter des pröbstlichen Haushaltes übergeben hatten, freute sie sich sogar auf den Besuch beim nächsten Kunden. Zwei Bahnen schimmernder Seide hatte ihre Stiefmutter bestellt, und bei Frau Barbara würden sie, wenn auch nur kurz, eine erholsame Rast einlegen.
So geschah es dann auch, und gestärkt mit süßen Wecken, Wein und den letzten Gerüchten, wanderten Judith und sie zurück zum Eigelstein. Das war der Zeitpunkt, an dem Almut wieder das Geschwätz der Hökerin in den Sinn kam. Denn zu den aufregendsten Neuigkeiten von Frau Barbara gehörte die Geschichte von der verkohlten Leiche, die ihr Mann, Almuts Vater, in Sankt Kunibert gefunden hatte, wo der Glockenturm am Sonntag gebrannt hatte.
»Judith, kennst du einen Wollweber namens Wevers?«, fragte sie, als sie gemütlich nebeneinanderher schlenderten.
»Ja, ich habe einen gekannt, den alten Hilger Wevers. Der muss schon weit über sechzig sein. Warum fragst du?«
»Weil die Hökerin Elspeth gestern von der jungen Weverin gesprochen hat, die ihren Mann vermisst. Könnte das ein Sohn von ihm sein?«
»Denkbar. Aber der junge Wevers hat die Stadt schon vor Jahren verlassen. Er kam nicht gut mit seinem Vater aus.«
»Der Alte ist gestorben, es heißt, die Weverin und ihr Mann seien deshalb aus Aachen zurückgekommen.«
»Dann mag er wohl der Sohn sein. Wahrscheinlich wird er das Geschäft übernehmen. Egal, ob der Vater das gewollt hat. Der Meinulf ist ja der Einzige, der von den acht Kindern überlebt hat.«
»Würdest du den jungen Wevers heute noch erkennen?«
»Das glaube ich nicht. Ich habe ihn nicht oft gesehen. Warum willst du das wissen, Almut?«
»Ich weiß nicht, dieser Unbekannte in der Kirche – es könnte der junge Wevers sein, was meinst du?«
»Es könnte auch jemand anders sein. Nur weil einer vermisst und einer gefunden wird, sind es nicht zwangsläufig dieselben.«
»Stimmt schon, aber irgendwie…« Almut war sich nicht so recht klar darüber, wie sie Judith ihre Ahnung beschreiben sollte. Irgendwas hatte ihre Neugier geweckt, und dieser lasterhafte Zug drängte sie, weiter nachzuforschen.
»Trotzdem, Judith. Kannst du mir sagen, wo sie wohnen? Wir sollten eigentlich der Familie von dem Toten in der Kirche berichten.«
»Sie haben ein Haus in der Webergasse.« Judith kräuselte bedenklich die Stirn. »Aber… die Weber sind nicht gut auf uns zu sprechen. Ich meine, auf uns Beginen. Ich möchte da lieber nicht hingehen. Wir hatten schon viel Streit mit ihnen.«
»Davon weiß ich nichts.«
»Du bist ja auch erst seit vier Jahren bei uns. Aber anfangs, als meine Schwestern und ich in den Konvent eintraten, gab es großen Ärger. Die Weber behaupteten, wir würden ihnen das Geschäft ruinieren. Weil wir billiger sind. Wir brauchen ja keine Steuern zu zahlen. Und nach der Weberschlacht vor fünf Jahren durfte jeder Weber nur noch zwei Webstühle besitzen. Da haben wir ganz schön zu tun gehabt. Freunde haben wir damit aber bei den Webern nicht gewonnen.«
»Ein streitbares Völkchen, die Weber.«
»Der alte Hilger Wevers bestimmt. Er war ein strenger und gottesfürchtiger Mann. Und geschäftstüchtig. Er hat immer genau aufs Geld geschaut. Wird seinem Sohn ein schönes Vermögen hinterlassen haben.«
Diese Tatsache sprach nicht gerade
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