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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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krank. Unheilbar liebeskrank. Ich liebe deine Frau …
    Er hörte die Worte so deutlich in seinem Kopf, daß er einen Augenblick fürchtete, er habe sie vielleicht wirklich laut ausgesprochen. Er war so angespannt, daß er manchmal glaubte, die Kontrolle über sich zu verlieren, als müsse sich irgend etwas Bahn brechen.
    Und das war kein Zustand. Vermutlich war es wirklich besser, wenn er den Hof verließ, besser für sie alle. Auch wenn ihm bei der Vorstellung, sie nicht mehr zu sehen, ihre Stimme nicht mehr zu hören, und das vielleicht monatelang, hundeelend wurde.
     
    »Haltet die Küste für mich zwischen Yare und Ouse, und es soll Euer Schaden nicht sein, Cædmon«, sagte der König zum Abschied, und Cædmon dachte bei sich, daß es eine Aufgabe war, die ihn und seine Möglichkeiten weit überforderte. Wie sollte er zwei Flüsse und die Küste dazwischen bewachen? Woher sollte er die Männer dafür nehmen? Aber er behielt seine Zweifel für sich. »Das werde ich, Sire.«
    Der König entließ ihn mit einem eleganten Wink, und Cædmon verneigte sich und ging hinaus. Er beeilte sich auf dem Weg zu den Stallungen; der Morgen war schon weit fortgeschritten, und er wollte vor dem nächsten Mittag in Helmsby sein.
    Vor dem Stall wartete ein Knecht mit Widsith, dem gewaltigen, normannischen Schlachtroß, das der König Cædmon nach der Niederschlagung der Rebellion in Lincoln geschenkt hatte. Am gleichen Tag hatte er ihn zum Ritter geschlagen. Nichtsdestotrotz hatte Cædmon seinem normannischen Pferd an diesem Tag normannischer Ehrungen einen angelsächsischen Namen gegeben. Es war ein junger, sehr kostbarer Hengst, ausdauernd und perfekt geschult, und Cædmon liebte ihn sehr.
    »Danke, Odric.« Er nahm die Zügel in die Linke und wollte aufsitzen, als Richard, Rufus, Etienne und Aliesa in den kleinen Hof vor dem Stall traten.
    »Da haben wir dich so gerade noch erwischt«, bemerkte Etienne lächelnd. »Glückliche Reise, Cædmon.«
    Cædmon nahm den Fuß aus dem Steigbügel und trat zu ihnen. »Danke.«Er lächelte auf seine beiden Zöglinge hinab. »Vergeßt nicht alles, was ich euch beigebracht habe«, sagte er auf englisch.
    Sie schüttelten die Köpfe. »Rufus hat sich in den Kopf gesetzt, mir in Englisch zu unterrichten, solange du fort bist«, berichtete Richard voller Empörung.
    Cædmon legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. »Ich glaube, das könnte nicht schaden.«
    »Ich werde mir seinem Unterricht anschließen«, sagte Aliesa zwinkernd. »Ich glaube, ein paar Stunden englischer Grammatik könnten mich auch nicht schaden.«
    Cædmon starrte sie entgeistert an. »Aliesa … Ich wußte nicht, daß Ihr Englisch lernt.«
    Etienne lächelte stolz. »Sie ist schon richtig gut, oder was meinst du? Sie hat sich Bücher in eurer Sprache besorgt, stell dir das vor.«
    Er hört sich an, als lobe er die Klugheit seines Falken, dachte Cædmon gehässig, aber ehe er auf eine höfliche Antwort sinnen konnte, sagte Aliesa seufzend: »Ich fürchte nur, mein Akzent ist schrecklich.«
    Das ist er in der Tat, dachte er, unterdrückte ein Grinsen und versicherte inbrünstig: »Aber ganz und gar nicht. Haltet Euch nur an Rufus, wenn Ihr unsicher seid, er ist ein Genie in Grammatik.«
    »Das werde ich. Bis Ihr wiederkommt. Lebt wohl, Cædmon. Möget Ihr auf Eurem Weg Freunde finden, die Führung der Engel und das Geleit der Heiligen. Sagt man in England nicht so?«
    Er nickte verblüfft. »So sagt man. Danke, Aliesa.« Er verneigte sich tief und saß auf.

Helmsby, Mai 1069
    »Willkommen daheim, Thane. Wir hatten keine Nachricht, daß du kommst.«
    Cædmon zügelte Widsith unter dem hohen Tor in den Palisaden und betrachtete seine Burg voller Stolz.
    Der Palisadenzaun mit den unüberwindlichen Spitzen umgab den Burghof, der die Viehställe, Wirtschaftsgebäude und die kleinen Lehmhütten für das Gesinde beherbergte. In der westlichen Hälfte dieses Innenhofs war ein Hügel aufgeschüttet worden, der hauptsächlich ausder Erde bestand, die beim Aushub des breiten, tiefen Grabens angefallen war, der ihn umgab. Der Graben, über den eine Zugbrücke zum Tor führte, war bewässert. In East Anglia konnte man einfach kein Loch schaufeln, ohne daß es sich innerhalb kürzester Zeit mit Wasser füllte. Ein zweiter, nicht ganz so hoher Palisadenzaun schützte den Erdwall.
    Diesen Erdwall – den die Normannen aus unerfindlichen Gründen »Motte« nannten – krönte der dreigeschossige, hölzerne Burgturm. Es war keine große, aber

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