Das zweite Königreich
und ihre Gehilfinnen ein Stück weiter oben und putzten Kohlköpfe, und Onkel Athelstan saß wie üblich mit einem Becher Met nahe am Feuer und starrte trübsinnig in die Flammen.
Cædmon hielt pflichtschuldig bei ihm an. »Ich hoffe, du bist wohl, Onkel?«
Athelstan hob den Kopf, und sein Gesicht hellte sich auf. Da er Ælfrics jüngerer Bruder war, konnte er kaum über Vierzig sein, aber er hatte das Gesicht eines alten Mannes. Seine Nase war mit einem feinen Netz roter Äderchen überzogen, die seine größte Schwäche verrieten, und seine Augen schienen trüb, doch das täuschte. Onkel Athelstan, so wußte Cædmon, sah immer noch mehr als die meisten anderen Leute. »Cædmon! Willkommen daheim. Ich hoffe, du bleibst ein Weilchen. Deine Mutter führt hier ein striktes Regiment in deiner Abwesenheit, weißt du, man kommt sich vor wie im Kloster.«
Cædmon grinste. »Ich nehme an, das heißt, sie rationiert Met und Bier?«
»Und den Cider auch, das einzig Segensreiche, was uns die Normannen beschert haben.«
»Cidre.«
»Sag ich doch, Cider.«
Athelstan hob den schlichten Holzbecher an die Lippen. Seine leicht schleppende Stimme verriet Cædmon, daß er betrunkener war als zu dieser frühen Stunde üblich, aber die große, arbeitsscheue Hand war ruhig und sicher.
»Ich schätze, du weißt, daß du einen kleinen, plärrenden Bastard hast?« erkundigte Athelstan sich, als er den Becher absetzte.
»Alfred hat’s mir erzählt. Wo ist er?«
Sein Onkel hob langsam die breiten Schultern, strich sich die grauen Locken aus der Stirn und sah Cædmon mit seinen blauen Augen an, die zwar meist blutunterlaufen waren, ihn aber trotzdem immer so lebhaft an seinen Vater erinnerten.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Athelstan. »Wenn ich du wäre, würde ich in der Molkerei nach seiner Mutter suchen.«
Cædmon machte kehrt, verließ die Halle und eilte zu dem hölzernen Gebäude an der Ostseite des Hofs, wo aus der Milch der gutseigenen Kühe Butter, Quark und Käse hergestellt wurden. Wie immer verzog er leicht angewidert das Gesicht, als ihm beim Eintreten der aufdringliche Geruch saurer Milch entgegenschlug.
Zwei junge Frauen waren bei der Arbeit, die eine stampfte Butter, die andere füllte frische Milch aus einem ledernen Eimer in Holzbottiche um.
Gytha saß auf einem Schemel neben der Tür, hatte ihren Kittel über die linke Brust herabgezogen und ihr Kind angelegt. Als Cædmons Schatten über die Schwelle fiel, huschten die beiden anderen Mägde lautlos in den angrenzenden Vorratsraum.
Cædmon beugte sich über Gytha und küßte sie auf die Stirn.
»Da bist du also«, war alles, was sie sagte.
»Da bin ich.«
Er sah auf das Kind hinab. Es war ein winziges häßliches Ding mit einem feuerroten Kopf. Die Augen waren zugekniffen, und es saugte gierig an der Brust seiner Mutter.
Cædmon streckte unsicher die Hand aus, zögerte einen Augenblick und strich dann mit einem Finger über die klitzekleine Wange.
»Er ist so … winzig.«
»Er wächst«, prophezeite sie lächelnd.
Cædmon hockte sich vor sie, legte beide Hände auf ihr Gesicht und küßte sie auf den Mund. Sie roch immer noch nach Rauch und Milch. Er ließ sich neben ihr auf dem strohbedeckten Boden nieder, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und betrachtete seinen Sohn und dessen Mutter.
Gytha hatte den Kopf gesenkt, und erst als sie sich die Haare hinters Ohr strich, konnte er ihr Gesicht wieder sehen. Wie üblich zeigte es keine Regung.
Er mochte Gytha sehr gern. Sie war ein einfaches Bauernmädchen ohne alle Manieren, aber sie war zu still und scheu, um je vulgär zu sein. Außerdem war sie die erste Frau, die er je gehabt hatte, und er war ihr immer noch dankbar. Ihre stumme, eindringliche Zärtlichkeit konnte ihn nach wie vor rühren. Wenn er an zu Hause dachte, war es ein gutes Gefühl zu wissen, daß sie dort war.
»Cædmon, er ist noch zu klein, um dir ähnlich zu sein, aber er ist dein Sohn, glaub mir.« Es war ein hastig hervorgestoßener Wortschwall,der ihm verriet, welche Mühe es sie gekostet hatte, ihn herauszubringen.
Er runzelte verwundert die Stirn. »Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, daran zu zweifeln. Wieso sagst du das?«
Sie schüttelte kurz den Kopf.
Er nahm ihre Hand. Sie war klein und schmal, aber schwielig.
»Wie wollen wir ihn nennen, hm? Was denkst du?«
»Ich dachte, das solltest du entscheiden«, antwortete sie.
»Also gut. Was hältst du von Ælfric?«
Ihr Kopf fuhr hoch. »Nach deinem Vater?«
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