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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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eine solide Burg, und sollten die Dänen wirklich hier einfallen und Cædmon nicht in der Lage sein, sie zurückzuschlagen, wären er und die Seinen hier zumindest in Sicherheit.
    Der Bau der Burg war eine gewaltige Anstrengung gewesen. Cædmon hatte ihn begonnen, sobald der König ihm die Erlaubnis erteilte, aber er hatte über ein Jahr gebraucht, sie war erst diesen Frühling fertig geworden. Das Vorhaben hatte die gesamten Rücklagen des Gutes aufgezehrt, obwohl William ihn wegen der strategisch wichtigen Lage der Burg zwischen Yare und Ouse finanziell unterstützt und ihm einen erfahrenen Baumeister zur Seite gestellt hatte, der schon ein gutes Dutzend Burgen gebaut hatte. Sie waren auf alle nur denkbaren Schwierigkeiten gestoßen: Der Boden war so weich, daß sie viel mehr Eichenpfähle als Fundament hatten einbringen müssen als ursprünglich erwartet, die dienstpflichtigen Bauern aus Helmsby und der Umgebung zeigten sich anfangs unwillig, am Bau mitzuwirken, und Cædmon hatte härter durchgreifen müssen, als ihm lieb war, um sie umzustimmen. Seine Mutter nannte das ganze Vorhaben größenwahnsinnig und hatte keinen Finger gerührt, um es voranzubringen. Aber Cædmon hatte vollkommen unerwartete Unterstützung gefunden.
    Er saß ab und schloß seinen Vetter in die Arme. »Alfred! Seit wann hält der Steward von Helmsby Torwache?«
    Wulfric, der alte Steward, war im ersten Winter nach der Eroberung an den Folgen seiner Kopfverletzung von Hastings gestorben. Ungefähr zur gleichen Zeit war der trunksüchtige Onkel Athelstan mit seinem Sohn Alfred in Helmsby gestrandet. Jetzt, da es keinen angelsächsischen Hof mehr gab, war er obdachlos geworden, hatte sich auf seine Wurzeln besonnen und war heimgekehrt. Cædmon hatte ihn mit mehr Herzlichkeit willkommen geheißen, als Ælfric es vielleicht getan hätte, denn er hatte seinen verrückten, leichtsinnigen, trinkfreudigen Onkel immer gern gemocht. Und dessen Sohn Alfred hatte sich als großeBereicherung und verläßlicher Verbündeter bei der Einführung neuer Ideen erwiesen. Alfred hatte genau wie Dunstan treu zu Harold Godwinson gestanden und bei Hastings entschlossen für seinen König gekämpft. Aber Alfred war jung und anpassungsfähig. Er hatte sich mühelos auf die geänderten Verhältnisse eingestellt, er bewunderte die überlegene Kriegskunst der Normannen und war seinem neuen König ebenso ergeben wie dessen Vorgänger. Genau wie Cædmon trug er keinen Bart und kleidete sich nach normannischer Sitte, und er konnte nie genug bekommen, wenn Cædmon vom Hof, vom König, dem höfischen Treiben und den Prinzen erzählte. Cædmon hatte nicht lange gezögert, Alfred zum Steward zu machen und ihm die Verantwortung für Burg und Ländereien zu übertragen, wann immer er selbst fort mußte. Auch diese Entscheidung hatte er gegen den Widerstand seiner Mutter durchgesetzt, aber er hatte sie noch keinen Tag bereut.
    Alfred klopfte ihm kräftig die Schulter und nahm Widsith am Zügel. »Ich halte nicht Wache, aber ich hatte so ein komisches Gefühl, als käme Besuch. Und weil ich, wie du weißt, unheilbar neugierig bin, hab ich mich am Tor rumgedrückt, um zu sehen, wer es ist. Ich hätte allerdings nicht damit gerechnet, daß der Burgherr höchstpersönlich heimkommt.«
    Diese Bezeichnung war Cædmon noch reichlich fremd. »Wie geht es allen? Was macht dein Vater?«
    Alfred seufzte. »Träumt von längst vergangenen Tagen, wie immer. Ansonsten sind alle wohlauf, außer Eadwig. Er hatte ein Fieber, ist furchtbar schwach und dünn, und deine Mutter erlaubt nicht, daß ich ihn mit auf die Felder hinausnehme, damit er reitet und wieder zu Kräften kommt.«
    »Und Gytha?«
    Alfred grinste von Ohr zu Ohr. »Ein Junge, Cædmon. Ein prächtiger Kerl.«
    »Ist das dein Ernst? Wann?«
    »Vor drei Tagen.«
    Ein Sohn, dachte Cædmon ungläubig. Ich habe einen Sohn . Er hörte die Worte in seinem Kopf, aber er konnte es nicht so recht glauben.
    Er beschleunigte seine Schritte. »Alfred, tust du mir einen Gefallen? Bringst du Widsith in den Stall?«
    »Natürlich.«
    Cædmon wandte sich eilig ab, rannte über den Hof und erstürmte seineBurg. Zehn Stufen führten zum Eingang hinauf, so daß man durch die Tür direkt in die geräumige Haupthalle über den im Erdgeschoß befindlichen Vorratskammern kam. Wie immer war hier Betrieb: Die Männer der Frühwache, die vor einer Stunde abgelöst worden waren, saßen an einem Ende des langen Tisches bei einem späten Frühstück, die Köchin

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