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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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dieses Knistern dem Zischen vorausgegangen war, und er fragte sich, wie in aller Welt er das noch einmal durchstehen sollte, als er die mörderische, warnende Hitze plötzlich im Gesicht spürte. Er riß entsetzt die Augen auf. Das glühende Eisen war weniger als eine Daumenlänge von seiner rechten Wange entfernt.
    Nein …
    » Nein! «
    Einen irrsinnigen Moment lang glaubte er, sein Grauen habe durch irgendeinen Zauber Stimme erlangt, doch der laute Ruf klang eher wie ein Befehl denn ein Protestschrei. Und er wirkte. Dunstan zauderte. Ein großer Krieger in Kettenpanzer und Helm kam mit langen Schritten auf sie zu, packte Dunstans Ellbogen und zog ihn zurück. Das glühende Kruzifix glitt aus der Zange und landete auf der hölzernen Tischplatte. Kleine, dunkle Rauchkringel stiegen auf.
    Hereward legte die Hand an das Heft seines Schwertes. »Was fällt Euch ein? Wer seid Ihr?«
    Der Mann zog den Helm vom Kopf und entblößte ein Gesicht nicht älter als Herewards, schulterlange, glatte dunkle Haare und die gewaltige Raubvogelnase, für die schon sein Großvater berühmt gewesen war.
    »Morcar …«, brachte Cædmon fassungslos hervor und dachte voller Verwirrung, daß Gott mit der Wahl des Zeitpunktes für dieses kleine Wunder in gewisser Weise doch ein Urteil gefällt hatte. Ein geradezu salomonisches Gottesurteil, wenn man so wollte. Er spürte ein hysterisches Kichern in seiner Brust aufsteigen und preßte einen Augenblick den Handrücken gegen den Mund, um es niederzukämpfen.
    Morcars Blick fiel auf seine Brust, und er verzog angewidert das Gesicht. Dann wandte er sich um. »Seid Ihr Hereward? Meine Güte, es ist tatsächlich wahr, Feenaugen …«
    Selbige hatten sich ungläubig geweitet. »Morcar? Von Mercia?«
    »Oder von Northumbria, das ist Ansichtssache.«
    »Earl Leofrics Enkel?«
    »Ja.«
    »Earl Edwins Bruder?«
    »Ja doch. Meine Schwester, sollte es Euch entfallen sein, heißt Aldgyth.«
    Ein leises Lachen plätscherte durch den Saal.
    Hereward nahm sich zusammen und reckte angriffslustig das Kinn vor; er gehörte offensichtlich nicht zu denen, die in ein Lachen auf ihre Kosten einstimmen konnten. Dann besann er sich und verneigte sich. »Eine große Ehre, Mylord.«
    Morcar betrachtete ihn kühl. »Ich bin hergekommen, um mich Euch anzuschließen, Hereward. Aber eins wollen wir vorher klarstellen: Wenn es je gelingen sollte, William zu stürzen, dann wird mein Bruder Edwin König von England und niemand sonst.«
    Hereward verneigte sich wiederum. Er stammte aus Mercia; Morcars Großvater, der berühmte, gefürchtete Leofric, war der Lord seines Großvaters und Vaters gewesen. Ganz gleich, was seine Ambitionen sein mochten, Hereward glaubte an angelsächsische Traditionen und fand es nicht leicht, so alte Treuebande zu mißachten. »Ich würde mir niemals anmaßen, die Vorrechte Eures Hauses in Frage zu stellen, Mylord. Ihr solltet nicht glauben, was dieser Mann …«
    »Dieser Mann ist für mich über jeden Zweifel erhaben. Laß ihn los, du … Ochse.«
    So groß war Morcars Selbstsicherheit und Herewards Verehrung so offenkundig, daß Gorm augenblicklich von Cædmon abließ. Ein herbeigewunkener Diener brachte zwei große Becher mit Bier. Morcar reichte einen davon Cædmon.
    Cædmon nickte dankbar und nahm einen tiefen Zug. Selbst als sie auf dem Kanal gekentert waren und er beinah ertrunken wäre, war er nicht so durstig gewesen. »Danke, Mylord. Ich dachte …«
    »Was? Ihr glaubtet mich in Rouen, ja?«
    Cædmon nickte und trank noch einmal. Das Bier war süß und herrlich kühl.
    »Da war ich auch«, erklärte Morcar. »Doch als ich hörte, daß sich in Ely der englische Widerstand formiert, bin ich geflohen. Ich bin sicher, William hätte mich umbringen lassen, sobald er in die Normandie kommt. Er weiß genau, daß jeder englische Widerstand gefährlich ist, solange noch irgendwer aus dem Haus Mercia oder Godwinson lebt. Ich habe Wulfnoth beschworen, mit mir zu kommen. Aber er wollte nicht.«
    Cædmon schloß die Augen, und sofort wurde ihm schwindelig. Der Becher glitt ihm aus den Fingern, und er taumelte.
    Morcar stützte ihn und warf Hereward und Dunstan einen finsteren Blick voller Verachtung zu. »Ihr seid tief gesunken, Hereward.«
    »Aber Mylord … Dieser Mann ist ein Verräter.«
    »Er ist kein Verräter! Er hat seinen Weg gewählt, Ihr den Euren. Wie es jeder Mann in England tun muß. Habt Ihr eigentlich eine Ahnung, was er tut? Wie viele Engländer er vor Williams Zorn bewahrt hat?

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