Das zweite Königreich
und Mäuse vom Leib hielt, Räucheraal, eine gebratene Gans, frisches, dunkles Brot, einen Krug Met und … Bücher.
»Bücher?« fragte Cædmon ungläubig.
Oswald nickte nachdrücklich. »Und ich werde endlich tun, wozu es mich schon vor sechs Jahren gelüstete, Cædmon: Ich werde dich das Lesen lehren.«
Cædmon hob entsetzt die Hände. »Nein, vielen Dank, Bruder Oswald, ich habe keineswegs die Absicht, lesen zu lernen. Ich nehme nicht an, es gibt eine Laute an diesem Ort ernsthafter Gelehrsamkeit, oder?« Oswalds Augen funkelten. »Gorm, du zu groß geratenes Rindvieh!« brüllte er.
Der riesige Schädel erschien in der Tür. »Was?«
»Lauf zum Bruder Sakristan und borg seine Laute. Ein bißchen plötzlich, wenn ich bitten darf!«
Cædmon bekam seine Laute und war selig. Oswald und Guthric lauschten ihm fasziniert, und Guthric bestürmte ihn, ihm die Texte der normannischen Lieder beizubringen. Im Gegensatz zu Cædmon hatte Guthric keine Rabenstimme, sondern einen gut geschulten Benediktinertenor. Bald sang er all die Balladen, die Cædmon im vergangenen Frühjahr immer für Aliesa gespielt hatte, aber ebenso die alten, angelsächsischen Lieder, die sie beide von den Spielleuten kannten, die gelegentlich in die Halle ihres Vaters gekommen waren, um ihre gesungenen Geschichten von vergessenen Schlachten und fernen Ländern vorzutragen.
Doch Cædmon konnte nicht von früh bis spät spielen, und die Langeweile wurde bald die schlimmste Qual seiner Gefangenschaft. So gab er Bruder Oswalds hartnäckigem Drängen schließlich nach und willigte ein, wenigstens die Buchstaben zu lernen, aus denen sein Name bestand.
»Es sind sechs«, eröffnete Oswald ihm.
Cædmon nickte. »Das ist zu ertragen.«
»Der erste ist ein C. Siehst du, ganz einfach, wie ein offener Kreis.« »Ein C. In Ordnung.«
»Auch das Wort Christus beginnt mit einem C.«
»Wir sprachen aber von dem Wort Cædmon.«
»Du solltest deinen Namen wirklich nicht über den des Herrn stellen, weißt du.«
»Bruder Oswald …«
Der pfiffige Prior hob ergeben die Hände. »Na schön. Der zweite ist ein Buchstabe, der eigentlich aus zweien besteht.«
»Dann sind es ja schon sieben. Du willst mich übers Ohr hauen!«
»Cædmon, ich muß doch sehr bitten. Hör mir zu.«
»Meinetwegen.«
»Er heißt Æsk, was ›Esche‹ bedeutet. Aber man spricht ihn Ä.«
»Ich glaube, das reicht mir.«
»Komm, komm. Stell dich nicht dümmer als du bist, das kannst du dir nicht leisten …«
So lernte Cædmon also, seinen Namen zu lesen, und trotz seiner Proteste lernte er am folgenden Tag die Wörter »Oswald« und »Guthric«. Er erfuhr auch, daß drei Buchstaben des angelsächsischen Alphabets uralte Runen waren, die ihre heidnischen Vorfahren schon benutzt hatten, lange bevor die Missionare nach Britannien kamen und ihre Buchstaben mitbrachten. Die Vorstellung faszinierte Cædmon auf eigentümliche Weise, aber er verbarg sein Interesse sorgsam. Er wußte, wenn er Oswald auch nur den kleinen Finger reichte, würde ihn nichts mehr vor dem missionarischen Eifer des Priors retten.
»Die Welt wandelt sich, Cædmon«, erklärte Oswald mit belehrend erhobenem Zeigefinger. »Es wird nicht mehr lange dauern, bis jeder Mann von Stand das Lesen erlernen muß, wenn er in ihr bestehen will.«
»Ja, und das Sticken vermutlich auch«, brummte Cædmon verächtlich.
Bruder Oswald machte ein Gesicht, als habe er nicht übel Lust, seinen uneinsichtigen Schüler zu ohrfeigen. Ohne es zu merken setzte Cædmon sich gerade auf, als wolle er sie beide daran erinnern, daß er einen guten Kopf größer als Oswald war, und wandte ein: »Warum sollte ein Mann von Stand lesen lernen müssen, der sich doch einen Kaplan halten kann, der es für ihn tut? Wenn ich mich plötzlich entschließen würde, Lesen und Schreiben zu lernen und beispielsweise meine Bücherselbst zu führen, würden die Leute sagen, ›Nun seht euch das an, der Thane of Helmsby ist arm wie eine Kirchenmaus, nicht einmal mehr einen Schreiber kann er sich leisten.‹«
Oswald fegte den Einwand ungeduldig beiseite. »Wissen, Cædmon. Darum geht es. Und Wissen steht in Büchern, es wird nicht mehr von Mund zu Ohr weitergegeben wie in den Tagen der Druiden. Die Welt ist zu groß geworden dafür. Schau dich selbst an. Früher wurde der Thane of Helmsby in Helmsby geboren, lebte in Helmsby und starb in Helmsby, zog bestenfalls mit dem Fyrd zur nächsten Küste, um die Dänen zurückzuschlagen, oder bis an die walisische
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